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Interview mit Caroline Seibt zum anstehenden Buchrelease von „Weil sie lügt“

Interview mit Caroline Seibt zum anstehenden Buchrelease von „Weil sie lügt“

Weil sie lügt|  Psychothriller | Von Glauser-Preisträgerin Caroline Seibt
© Foto: Mirko Cummerwie

Droemer Knaur: Wovon handelt ihr neuer Psychthriller „Weil sie lügt“?

Caroline Seibt: Vordergründig ist Weil sie lügt ein Psychothriller voller Wendungen: eine verschwundene Tochter, ein Vater als Hauptverdächtiger und die verzweifelte Suche nach der Wahrheit.

Aber im Kern ist es für mich eine Geschichte darüber, was mit einer Familie passiert, wenn plötzlich ein geliebter Mensch daraus verschwindet. Wie Vertrauen unter Verdächtigungen langsam zerbricht und wie schnell man selbst an den Menschen zweifelt, die man eigentlich am besten kennt.

DK: Die Geschichte wird aus den Perspektiven von Anna und Katharina erzählt. Beide zerrissene Figuren. Was treibt sie an?

CS: Anna und Katharina könnten unterschiedlicher kaum sein – verbunden sind sie beide durch den verzweifelten Wunsch, endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Anna ist der Anker ihrer Familie. Seit ihre ältere Schwester Juli spurlos verschwunden ist, trägt sie viel zu viel Verantwortung für ihr Alter. 

Ihre manisch-depressive Mutter war schon vorher kaum in der Lage, den Alltag zu bewältigen, der Vater sitzt inzwischen in Untersuchungshaft und ihr kleiner Bruder Leon versteht noch nicht, dass Juli vermutlich nie wieder nach Hause kommen wird.

Katharina dagegen ist eine verbissene Ermittlerin, die ungelöste Fälle nicht loslassen kann. Sie beschreibt Cold Cases als Wunden, die sie selbst immer wieder aufkratzt, bis es blutet. 

Als sie die Leitung im Vermisstenfall übernimmt, sieht sie darin nicht nur die Chance, die Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern auch, sich selbst etwas zu beweisen. Gerade diese Besessenheit macht sie gleichzeitig stark und unberechenbar.

DK: Juli, die Schwester von Anna, ist seit anderthalb Jahren verschwunden. Welche Auswirkungen hat das auf die Familie?

CS: Auf den ersten Blick sieht man nur Scherben. Da ist so viel Trauer und so viele unausgesprochene Vorwürfe. Die Mutter verlässt kaum noch das Bett, weil sie ein Leben ohne ihre älteste Tochter nicht erträgt. 

Auch Anna spürt diesen lähmenden Schmerz über den Verlust ihrer Schwester. Doch sie versucht verzweifelt, stark zu sein und den Alltag irgendwie zu meistern.

Aber in diesen Scherben spiegelt sich auch Licht. Gerade die Szenen zwischen Anna und ihrem kleinen Bruder Leon sind mir beim Schreiben sehr nah gegangen. 

In jeder Zeile konnte ich spüren, wie sehr die beiden einander lieben und wie viel Halt sie sich gegenseitig geben.

DK: Anna überschreitet in ihrer Verzweiflung auch Grenzen, um ihre Schwester zu finden. Wie weit ist sie bereit zu gehen?

CS: Anna opfert sich auf für die Menschen, die sie liebt. Dabei verliert sie zunehmend den Blick dafür, was richtig oder falsch ist. 

Das macht sie für mich zu einer sehr verletzlichen, aber auch unglaublich starken Figur. Sie spürt, dass ihre Familie an der Situation langsam zerbricht – und wie ihr die Kraft ausgeht, alles zusammenzuhalten. 

Sie entscheidet sich deshalb zu drastischen Schritten.

DK: Schuld ist ein großes Thema in ihrem Buch. Wie schwer wiegt die Schuld für ihre Figuren?

CS: Viele meiner Figuren werden von Schuldgefühlen getrieben. Mich interessieren vor allem Grauzonen. Ich mag keine Figuren, die von Grund auf böse sind. Viel spannender finde ich es, wenn es in ihrem Leben einen Bruch gab, der sie auf den falschen Weg geführt hat.

DK: Auf wen bezieht sich der Titel „Weil sie lügt“?

CS: Das verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht. 

Nur eine Warnung spreche ich aus: Man sollte sich bei meinen Büchern gut überlegen, wem man Vertrauen schenkt.

DK: Die große Hürde in Thrillern ist oft ein gelungenes Ende. Stand für Sie die Auflösung bereits von Anfang an fest?

CS: Ich brauche immer etwa fünfzig Buchseiten, um die Geschichte und die Figuren richtig kennenzulernen. 

Dieser Anfang entwickelt sich in meinem Kopf von ganz allein, ohne großen Plan. Während des Schreibens merke ich dann instinktiv, welche meiner Figuren Geheimnisse verbergen. Manchmal habe ich bestimmte Figuren bis dahin schon so sehr ins Herz geschlossen, dass es mir tatsächlich wehtut zu wissen, was sie getan haben oder was am Ende mit ihnen passiert. 

Das Ende von Weil sie lügt zu schreiben, ist mir emotional unheimlich schwergefallen. Danach habe ich den Laptop zugeklappt und für zwei Wochen nicht mehr angefasst.

„Manchmal erkennt man ein Monster nicht, selbst dann nicht, wenn es direkt vor einem sitzt“, sagt ein Kollege von Katharina zu Anna. Heißt das, dass das Böse nicht nur in dunklen Gassen lauert?

Als Kind glauben wir noch, Monster seien zottelige Wesen mit spitzen Zähnen und langen Klauen, die nachts unter unseren Betten hervorkriechen. 

Zum Erwachsenwerden gehört für mich die Erkenntnis, dass Monster aussehen wie gewöhnliche Menschen, wie du und ich. Und sie sind überall: Vielleicht ist es der eigene Vater, die freundliche Nachbarin oder der nette Postbote. Genau das macht sie so gefährlich.

DK: Kann man Menschen, die man liebt, wirklich vollständig kennen?

CS: Ich glaube nicht, nein. Ich glaube, wir kennen uns selbst noch nicht einmal vollständig. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie er in einer Extremsituation reagieren würde? Genau um diese Unsicherheit dreht sich der Roman.

Mich interessiert dieser Kipppunkt, an dem aus bedingungsloser Liebe und Vertrauen plötzlich Zweifel werden. Diese Abwärtsspirale, in der man beginnt, scheinbar Sicheres infrage zu stellen.

Über das Buch & die Autorin

„WEIL SIE LÜGT“
Droemer Verlag, Klappenbroschur, 384 Seiten
ISBN: 978-3-426-56700-5 | € 16,99 (D) / € 17,50 (A)
Erscheinungstermin: 1. Juni 2026

Caroline Seibt zählt zu den aufregendsten neuen Stimmen des deutschsprachigen Psychothrillers. Ihr erster Roman Das gestohlene Kind wurde mit dem Glauser als bestes Spannungsdebüt des Jahres ausgezeichnet. In ihren Geschichten treffen emotionale Wucht und psychologische Tiefe auf Hochspannung und nervenaufreibende Plot-Twists. Caroline Seibt lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover.