Im Gespräch

Wie schreibt man einen historischen Roman? Interview zum Debüt „Der Gesang des Falken“

Lea verbindet akademische Präzision mit literarischer Freiheit. In unserem exklusiven Interview verrät die Historikerin, wie ihr Debütroman „Der Gesang des Falken“ entstand, warum die Tudor-Zeit uns noch immer fesselt und weshalb menschliche Interpretation durch keine Maschine ersetzt werden kann.

Lea Gerstenberger - historische Romane schreiben

Von der Historiographie zur Erzählung

Lea verbindet akademische Präzision mit literarischer Freiheit. In unserem exklusiven Interview verrät die Historikerin, wie ihr Debütroman „Der Gesang des Falken“ entstand, warum die Tudor-Zeit uns noch immer fesselt und weshalb menschliche Interpretation durch keine Maschine ersetzt werden kann.

I. Der Schreibprozess: Weltenbildung und Quellen

Droemer Knaur: Lea, dein Studium der Geschichte in Freiburg bildet das Fundament deiner Arbeit. Inwiefern unterscheidet sich dein Prozess der Weltenbildung von Autoren*innen ohne diesen akademischen Hintergrund? Gehst du zuerst an die Quellen oder zuerst an den Plot?

„Ohne Kenntnis der historischen Hintergründe kann man keinen funktionierenden Plot entwickeln.“

Lea: Beides geht Hand in Hand. Ohne Kenntnis der historischen Hintergründe kann man keinen funktionierenden Plot entwickeln. Deshalb steht am Anfang die Epoche. Ich erstelle einen Zeitstrahl der relevanten historischen Ereignisse und bette meine Story ein. Details recherchiere ich parallel dazu weiter.

Droemer Knaur: Auf deinem Blog praktizierst du den „Recherche-Check“. Wie hart warst du zu dir selbst bei deinem Debütroman, wenn es um die Balance zwischen narrativer Freiheit und historischer Belegbarkeit ging?

Lea: Auch auf meinem Blog interessiert mich immer auch das größere Bild, also die Frage, welche Geschichtsbilder und Narrative wie in den Romanen vorkommen. Das geht über einen reinen Faktencheck hinaus und so bin ich auch an meinen eigenen Roman herangegangen, weil es sich bei der historischen Belegbarkeit eher um ein Spektrum handelt.

Ich wollte so viele überlieferte Ereignisse und Figuren einbauen wie möglich, aber zugleich sind die Lücken da so groß, dass noch viel Spielraum für Kreativität und eigene Ausschmückungen vorhanden war. Ich würde also nicht sagen, dass ich hart zu mir selbst sein musste, aber eine gewisse Plausibilität der Darstellungen ist mir sehr wichtig.

II. Anne Boleyn: Eine lebenslange Faszination

Droemer Knaur: Gibt es eine spezifische Primärquelle aus der Zeit um 1514 – vielleicht einen Brief oder ein Inventarverzeichnis des französischen Hofes – die den „Sound“ von „Der Gesang des Falken“ maßgeblich beeinflusst hat?

Lea: Eine einzige Primärquelle kann ich so nicht nennen, zumal sich meine Recherche auch maßgeblich auf die Arbeit von Historiker*innen und damit Sekundärliteratur gestützt hat. Es kommen aber mehrere zeitgenössische Bücher vor, die im Roman von den Figuren gelesen werden, darunter “Das Buch von der Stadt der Frauen” von Christine de Pizan und “De mulieribus claris” von Giovanni Boccaccio.

III. Die Ära der Valois & Tudors: Eine geopolitische Einordnung

Droemer Knaur: Die Tudor-Zeit wird oft sehr „insular“, also rein auf England bezogen, betrachtet. Du schlägst die Brücke zum Hof von François I. Warum ist das Verständnis des französischen Renaissance-Hofes essenziell, um die spätere Dynamik in England überhaupt begreifen zu können?

Lea: Ich habe den französischen Hof lange selbst eher als Gegenpart aus der Tudor-Perspektive gesehen und bei der näheren Beschäftigung damit festgestellt, dass das Umfeld von François I. eben ähnlich viele spannende Figuren und Geschichten bietet.

Dass Anne Boleyn dort aufgewachsen ist und geprägt wurde, ist mit Sicherheit das stärkste Bindeglied. Aber auch darüber hinaus war Frankreich im europäischen Gefüge der Zeit absolut maßgeblich und mein Roman versucht, einige dieser Querverbindungen abzubilden.

Droemer Knaur: Du thematisierst die Erziehung und das Leben der Hofdamen. Wenn wir die Quellenlage betrachten: War der französische Hof für Frauen wie Marcelle und Anne Boleyn eher ein „goldener Käfig“ oder – im Vergleich zu anderen europäischen Höfen – ein Ort früher intellektueller Emanzipation?

Lea: Beide Aspekte sind wahr, nicht nur für den französischen Hof: Obwohl wir von sehr privilegierten Frauen reden, die zumindest materiell eine gewisse Sicherheit hatten, waren ihre Handlungsräume und ihre Selbstbestimmung sehr eingeschränkt, da ihre Rollen stets dem Patriarchat untergeordnet blieben. Zugleich stimmt es, dass diese Frauen auf intellektueller Ebene und eben auch im Bereich der Kulturproduktion und -förderung sehr aktiv waren und in mancher Hinsicht emanzipierter, als wir denken.

Droemer Knaur: Historische Romane neigen oft zur Romantisierung. Welchen Aspekt des 16. Jahrhunderts wolltest du ganz bewusst ungeschönt und historisch akkurat darstellen, auch auf die Gefahr hin, moderne Leser zu schockieren?

„Die Jagd war ein wichtiger Bestandteil der Adelskultur und sehr viele Menschen der Zeit hatten Spaß an Dingen, die wir heute abscheulich finden.“

Lea: Das Frauenbild und die Frage nach der weiblichen Handlungsmacht steht auf jeden Fall im Fokus, mit der entsprechenden Ambivalenz.

Was ich jedoch auch erschreckend fand, war der grausame Umgang mit Tieren: Die Jagd war ein wichtiger Bestandteil der Adelskultur und sehr viele Menschen der Zeit hatten Spaß an Dingen, die wir heute abscheulich finden: Hetzjagden, brutale Abrichtungsmethoden, Hundekämpfe und dergleichen mehr waren an der Tagesordnung. Auch exotische Tiere wurden gehalten und gingen oft ein, weil man natürlich keine Ahnung von ihrer Pflege und Ernährung hatte.

Damit hat es sogar das Nashorn von Albrecht Dürer in den Roman geschafft.

IV. Dekonstruktion eines Mythos: Anne Boleyn

Droemer Knaur: Anne Boleyn wird in der Popkultur oft als die „Verführerin“ oder das „Opfer“ stilisiert. Als Historikerin: Welche Schichten dieser Mythenbildung konntest du durch deine Recherche abtragen, um die junge Anne in Frankreich freizulegen?

Lea: Viele dieser Zuschreibungen, die in der Popkultur aufgegriffen wurden, prägten schon die Zeitgenossen zu Annes Lebzeiten oder kurz danach. Mich hat interessiert, wie sie wahrgenommen worden sein könnte, bevor sie die kontroverse Position an der Seite von Henry VIII. einnahm.

In erster Linie war sie ein ganz “normales” adliges Mädchen, wenngleich eines, das eine hervorragende Erziehung genossen hat. Und doch zeigen die Quellen auch, dass sie schon sehr früh eine sehr charismatische Persönlichkeit besessen haben muss, die andere für sich einnehmen konnte.

Sonst hätte sie niemals für sieben Jahre in Frankreich bleiben dürfen.

Droemer Knaur: In deinem Roman ist Anne eine Verbündete der Protagonistin Marcelle. Basierend auf deinen Studien: Welche Charaktereigenschaften Annes sind historisch am besten gesichert, und wie hast du diese in die fiktive Handlung übersetzt?

Lea: Anne ist selbstbewusst und ambitioniert, auch wenn sie noch nicht ahnen kann, wohin ihr Weg einmal führen wird. Damit hilft sie auch Marcelle, besser für sich einzustehen.

Sie ist talentiert in den höfischen Tugenden, vom Kartenspiel bis hin zur Musik, und vor allem sehr interessiert an der Literatur, die zu der Zeit am Hof kursiert. Und auch ihr Temperament und vor allem die bisweilen recht spitze Zunge konnte ich bestens einbinden.

Man kann sich den Charaktereigenschaften einer historischen Figur immer nur annähern, aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anne ungefähr so gewesen sein mag.

Droemer Knaur: Oft wird unterschätzt, wie sehr die Erziehung in Frankreich Anne Boleyns politisches Denken geprägt hat. Würdest du so weit gehen zu sagen, dass ohne den Einfluss des französischen Humanismus die englische Reformation anders verlaufen wäre?

Lea: Wenn man davon ausgeht, dass die englische Reformation ohne Anne Boleyn anders verlaufen wäre, mit Sicherheit.

Sie war der zentrale initiale Faktor für den Bruch mit Rom und ihre Überzeugungen trugen in dieser frühen Phase sehr stark zur Entwicklung in England bei, zumal wir wissen, dass sie Frankreich lange treu blieb und auch kontroverse religiöse Schriften importieren ließ.

Hätte sie länger gelebt, wäre sie vielleicht zu einer Protestantin geworden. Insgesamt war die Entwicklung der englischen Reform aber natürlich weitaus komplexer und in den Jahrzehnten nach ihrem Tod hatte Anne Boleyn höchstens indirekt, durch ihre Tochter Elizabeth I., noch einen Einfluss darauf.

V. Mensch vs. Maschine: Die Bewahrung der Geschichte

Droemer Knaur: Du lehnst den Einsatz von generativer KI im Schreibprozess strikt ab. Siehst du die Gefahr, dass KI-generierte historische Romane dazu neigen, historische Klischees zu reproduzieren, anstatt die mühsame, aber notwendige Quellenarbeit zu leisten, die du als Historikerin gewohnt bist?

„KI-generierte Romane halte ich nie für originell. Historische Romane sind immer eine Annäherung an die Vergangenheit und leben von der Interpretation der Autor*innen.“

Lea: KI-generierte Romane halte ich nie für originell. Historische Romane sind immer eine Annäherung an die Vergangenheit und leben von der Interpretation der Autor*innen. Diese intentionale Auseinandersetzung mit der Geschichte  kann eine KI nicht leisten.

Zudem neigen die KI-Tools gerade bei historischen Sachverhalten dazu, falsche Zusammenhänge herzustellen oder komplett zu halluzinieren. Natürlich unterlaufen auch uns Autor*innen gelegentlich Fehler, aber ohne unsere kritische Auseinandersetzung mit Geschichte sind historische Romane substanzlos.

Droemer Knaur: Wie wichtig ist die „menschliche Interpretation“ von Geschichte für die emotionale Immersion? Kann eine KI jemals das „Gefühl“ einer Epoche einfangen, oder bleibt sie immer an der Oberfläche von Datenpunkten hängen?

Lea: KI kann meiner Ansicht nach keine emotionale Immersion erzeugen, weil sie nur berechnet und nicht versteht.

Was auf den ersten Blick überzeugend scheint, ist am Ende nur eine Illusion.

Das gilt natürlich nicht nur für historische Romane, aber auch diese möchte ich weiterhin von Menschen geschrieben wissen, mit all der Recherche, den kreativen Ideen und auch den inhaltlichen Entscheidungen, die Menschen aktiv treffen.

VI. Roman als Wissenschaft

Droemer Knaur: Was ist dein wichtigster Rat an junge Historiker*innen, die ihre akademischen Erkenntnisse in eine fiktionale Form gießen wollen, ohne die wissenschaftliche Integrität zu verlieren?

Lea: Ein Roman ist eine andere Form als eine wissenschaftliche Abhandlung, was man anerkennen sollte. Die Geschichte sollte funktionieren und unterhalten, ohne dass man die Faktentreue aus den Augen verliert.

Am Ende geht es immer um Abwägungen und an vielen Stellen erfordert ein Roman auch Vereinfachung. Man muss also damit leben, dass man nicht alles abbilden kann. Ich bin ein großer Fan von Nachworten, in denen man hierzu noch ein paar Einblicke mitliefern kann.

Im Idealfall regt man die Leserschaft dann zur weiteren Beschäftigung mit den historischen Hintergründen an.

Droemer Knaur: Nach dem Erscheinen am stehen Lesungen an (u.a. in Bad Urach und Unterhaching). Wird es dort auch einen Blick „hinter die Kulissen“ deiner Recherche geben, vielleicht sogar mit Einblicken in deine Original-Notizen?

Lea: Meine Notizen haben sich über Jahre angesammelt und sind Kraut und Rüben, also besser nicht!

Aber natürlich werde ich bei den Lesungen viel über die Hintergründe des Romans sprechen und Einblicke in die Recherche geben, und ich empfehle auch immer gerne passende Fachliteratur zum Weiterlesen.

Droemer Knaur: Vielen Dank Lea für das Interview!