Wie aus einer Nebenfigur Sabine Kaufmann wurde
Daniel Holbe und Ben Tomasson über die Geburt ihrer gemeinsamen Ermittler Sabine Kaufmann und Ralph Angersbach – und warum die hessische Provinz der bessere Tatort ist als Frankfurt. Beteiligt: Daniel Holbe & Ben Tomasson Reihe: Ein Sabine-Kaufmann-Krimi Schauplatz: Hessen
Sabine Kaufmann hatte ihren ersten Auftritt als Nebenfigur im Julia-Durant-Universum – heute ermittelt sie gemeinsam mit Ralph Angersbach in einer eigenen Reihe, weit weg vom Frankfurter Bahnhofsviertel, mitten in der hessischen Provinz.
Wie aus einer Randfigur ein eigenständiges Ermittlerduo wurde, wie zwei Autoren sich das Schreiben teilen und warum ein Stausee mehr Spannung bieten kann als eine Großstadt: ein Gespräch mit Daniel Holbe und Ben Tomasson.
Von Julia Durant zu Sabine Kaufmann: die Geburt einer eigenen Reihe
Lieber Daniel, du hast neben der Julia-Durant-Reihe damals eine weitere Reihe aus der Taufe gehoben, rund um Sabine Kaufmann. Ursprünglich stammt die Figur aus der Julia-Durant-Reihe.
Wurde sie dort bewusst mit dem Hintergedanken eingeführt, ihr eine eigene Reihe zu geben? Oder hat sie so Kontur angenommen, dass sich eine neue Reihe aufgedrängt hat?
Daniel Holbe
Oh, das alles werde ich wohl nie vergessen! Es stimmt von allem ein bisschen, ich drösele das mal auf: Bevor ich dazu kam, die Julia-Durant-Reihe fortzuführen, habe ich ein eigenes Ermittlerpärchen entwickelt. Ralph Angersbach – der ist uns unverändert erhalten geblieben – und eine junge Kollegin, die quasi sein Gegenpol sein sollte.
Weniger ruppig und etwas zarter, was aber keinesfalls zartbesaitet heißen soll!
Doch statt in meine eigene Reihe tauchte ich ja erstmal in das Universum von Julia Durant ein. Gerade dort, im elften Band, Mörderische Tage, hatte Andreas Franz Sabine Kaufmann als neue Kollegin für Julia Durant eingeführt.
Eine Frau, die am Ende zwar eine wesentliche Rolle spielte, aber ansonsten noch wenig ausgearbeitet war. Klar, es war ja auch ihr erster Auftritt neben all den Bekannten, die man aus der Reihe so kennt.
Ich habe sie dann für drei weitere Bücher im Team behalten, also in Todesmelodie, dem Band, bei dem ich die Reihe übernommen habe, in Tödlicher Absturz und Teufelsbande, daher musste sie sich auch weiterentwickeln.
Das Thema rund um ihre kranke Mutter, der Vater, der schon im Kindesalter abgehauen war, ein fotografisches Gedächtnis. Zutaten, die teilweise schon von Andreas Franz bereitgestellt wurden, die sich dann aber im Laufe der Zeit mit meinem eigenen ursprünglichen Entwurf für eine Ermittlerin vermischten.
Niemand Geringeres als Andreas Franz’ Witwe Inge sagte, als es dann mit meinem ersten eigenen Krimi so weit war, dass Sabine im Grunde „ich“ sei. In Julia Durant, Frank Hellmer und so weiter steckte überall Andreas Franz – und in Sabine Kaufmann eben ganz viel von mir. „Warum nimmst du sie nicht einfach mit?“
Klar, dachte ich. Und auch im Verlag hatte man das so auf dem Schirm. Warum nicht das Ursprüngliche in der Frankfurt-Reihe behalten und das Neue in der eigenen Reihe weiterspinnen?
Ein hochspannendes Experiment jedenfalls, und vor allem musste ich so nicht zweimal „dieselbe“ Ermittlerin als Gegenpol zu ihrem Kollegen erfinden.
„Seit mein Autorenkollege Ben dazugestoßen ist, sind beide Charaktere nochmal weiter gewachsen. Viel besser könnte es einer Serienheldin und einem Serienhelden doch gar nicht passieren, oder?“ Daniel Holbe
Zwei Autoren, ein Fall: wie Daniel und Ben zueinanderfanden
Lieber Ben, du bist nach dem zweiten Band als Co-Autor mit in die Reihe eingestiegen. Kanntet ihr euch schon zuvor, oder habt ihr euch übers gemeinsame Schreiben erst kennengelernt? Und wie stellt man sich euren Schreibprozess vor?
Ben Tomasson
Das ist eine ganz hübsche Geschichte: Im Dezember 2016 stand ich auf der Suche nach Urlaubslektüre in einem Supermarkt auf Lanzarote vor dem Bücherregal und fand Schwarzer Mann von einem gewissen Daniel Holbe.
In der Vita war zu lesen, dass man ihn nach dem Tod von Andreas Franz gefragt habe, ob er sich vorstellen könne, die Reihe weiterzuschreiben. Wow, dachte ich damals – so etwas sollte mir mal passieren.
Das war dann wie der Wunsch ans Universum, das sofort reagierte: Zwei Wochen später meldete sich mein Agent Dirk Meynecke (der auch Daniels Agent ist) mit der Frage, ob ich mir ein gemeinsames Projekt mit eben jenem Daniel Holbe vorstellen könnte.
Das war dann die Verschwörung in der Camargue, bei der wir festgestellt haben, dass wir ein ausgesprochen gutes kreatives Duo sind. Und weil es so schön funktioniert hat, haben wir uns dann auch bei der Kaufmann-Angersbach-Reihe zusammengetan.
Seitdem treffen wir uns, wenn möglich, einmal im Jahr, am geplanten Schauplatz des nächsten Buches – oder aus unserem Treffpunkt wird ein Schauplatz. Wenn es gar nicht geht, telefonieren wir und entwerfen gemeinsam Idee, Plot und Auflösung, erst live, dann im E-Mail-Ping-Pong. Und dann wird geschrieben.
Hessen statt Frankfurt: Schauplätze abseits der Großstadt
Diese Reihe unterscheidet sich von der Julia-Durant-Reihe u. a. dadurch, dass sie nicht in Frankfurt, sondern im deutlich weiteren Umkreis spielt, an verschiedenen Schauplätzen in Hessen. Keinen fixen Handlungsort zu haben bedeutet auch, jedes Mal neu herauszufinden, wo es hingeht. Ist das eher Fluch oder Segen? Was reizt euch daran?
Ben Tomasson
Es ist, aus meiner Sicht, definitiv ein Segen, in jedem Band eine ganz neue und unverbrauchte Spielwiese betreten zu können. Manchmal sind es Orte, die wir bereits kennen, manchmal erschließen wir uns auch Orte neu, von denen wir gehört haben, an denen wir aber noch nicht waren oder die wir bisher ganz anders wahrgenommen haben.
Beispiel Edersee, der in Totengold eine zentrale Rolle spielt: Von den beim Bau des Staudamms gefluteten Orten und Friedhöfen, die bei Niedrigwasser wieder auftauchen, hat man natürlich schon gehört. Und den Edersee hat man auch schon gelegentlich besucht.
Aber sich dort zu treffen, mit dem Gedanken, dass auf einem der versunkenen Friedhöfe ein Leichnam liegen könnte, der für unsere Geschichte eine Rolle spielt, macht aus dem bekannten Anblick ein ganz neues Bild.
Wir genießen diese Momente, wenn wir gemeinsam in einen Ort eintauchen und entdecken, welche Handlungsmöglichkeiten er für unsere Figuren bietet. Und es ist auch schön, sich beim Schreiben immer wieder an diese gemeinsamen Momente zu erinnern, denn das war ein ganz wesentlicher Antrieb für uns beide: nicht immer nur allein am Schreibtisch zu sitzen, sondern einen kreativen Schreibpartner zu haben, mit dem man sich austauschen kann.
Daniel Holbe
Oh ja, dem habe ich fast nichts hinzuzufügen! Schon im ersten Band war mir klar, dass ich, wenn ich den ländlichen Aspekt mehr betonen will, auch mal weiter weg von Bad Vilbel muss. In Giftspur haben wir es bereits mit außenliegenden Hofgütern und dergleichen zu tun, und in Schwarzer Mann ging es noch weiter in die Wetterau und natürlich in den Hohen Vogelsberg.
Das ist mehr als nur eine persönliche Sehnsucht – das war auch die ursprüngliche Idee hinter dieser Krimireihe. Und dass wir das langfristig nur hinbekommen, wenn zumindest einer der beiden Ermittler zum LKA wechselt, hat sich nebenbei so ergeben.
Ansonsten biegen wir uns die Zuständigkeiten auch mal ein wenig zurecht, so viel dichterische Freiheit nehmen wir uns in dieser Reihe heraus. Etwas übrigens, was ich bei Julia Durant nicht machen würde, auch wenn ich sie durchaus auch mal woanders ermitteln lassen würde.
Sabine und Ralph: zwei Ermittler, ein Team
Eine weitere Unterscheidung zur Julia-Durant-Reihe ist, dass sich zur Protagonistin Sabine Kaufmann ein zweiter, männlicher Protagonist gesellt hat, Ralph Angersbach. Hat euch eine männliche Perspektive gereizt? Oder ist das eurem gemeinsamen Schreiben geschuldet?
Daniel Holbe
Eigentlich ist es ja eher andersherum. Ralph Angersbach war vor ihr da. Ich hatte zuerst die Geschichte, dann den Ort und fast zeitgleich den passenden Ermittler dazu im Kopf.
Dass dazu natürlich auch eine Kollegin gehört, war klar. Und dass diese sich in wesentlichen Zügen von ihm unterscheiden soll, auch. Davon leben Krimireihen ja auch, von den Reibereien ihrer Hauptakteure.
Nach meinem Debüt mit einer weiblichen Heldin wollte ich auch ganz klar einen männlichen Ermittler kreieren, und das blieb auch später, quasi als Gegenpol zur Julia-Durant-Reihe, bestehen.
Dass sich Sabine Kaufmann dann so stark entwickelt hat und dem lieben Ralph manchmal die Show stiehlt, nun ja, das spricht für sie als starke Frau. Vielleicht eine Haltung, die sich ohne ihre gemeinsame Zeit mit Julia Durant nicht so stark ausgeprägt hätte.
Für uns war es dann ab dem gemeinsamen Band drei, Sühnekreuz, reizvoll, wie sich das zwischen den beiden weiterentwickelt. Und ob sich gar – was in Band eins, Giftspur, noch undenkbar gewesen wäre – mehr zwischen den beiden entwickelt.
Das genießen wir sehr, genau wie die Ideen zu neuen Geschichten. Denn neben dem Kriminalfall spielt auch immer eine wichtige Rolle, wie es im Leben des einen oder der anderen weitergeht. Und wir können schon mal sagen: Da geht noch einiges!
Lieblingsbände: Recherche, Erinnerung und neue Gesichter
Was sind eure Lieblingsbände der Reihe, und warum?
Daniel Holbe
Müsste das nicht eigentlich immer der erste Band sein? Nicht nur, weil da die meiste Arbeit drin steckt, sondern auch, weil man damit seine Helden geboren hat? Hmm. Aber das mal ausgeblendet wird die Antwort wohl immer Schwarzer Mann sein, also Band zwei.
Weil ich da nicht nur die tollste Recherche hinter mir habe, sondern weil ich in dieser Geschichte eine ganze Menge von Themen und auch Örtlichkeiten verpacken konnte, die ich schon sehr lange in ein Buch bringen wollte. Ja, die Antwort steht: Schwarzer Mann it is.
Ben Tomasson
Mal abgesehen davon, dass ich alle Bände der Reihe liebe, weil es einfach immer wieder unglaublich viel Spaß macht, die Geschichten zu entwickeln und zu schreiben – mein Lieblingsband ist Totengold: weil uns bei unserem Treffen am Edersee und der Besichtigung der versunkenen Grabstätte bereits so viele wunderbare Bausteine für den Plot begegnet sind – und das trotz unseres unerwünschten Begleiters in Form von Corona-Viren –, weil es so ein spannendes Fundament in der Vergangenheit gibt, und last but not least weil ich in diesem Band meine eigene, neu geschaffene Ermittlerin Lynn Burger ins Team gebracht habe, die auch in den Folgebänden wieder auftaucht und die Dynamik zwischen Ralph und Sabine bereichert.
„Wir genießen diese Momente, wenn wir gemeinsam in einen Ort eintauchen und entdecken, welche Handlungsmöglichkeiten er für unsere Figuren bietet.“ Ben Tomasson
Daniel Holbe
Daniel Holbe führt seit dem Tod von Andreas Franz dessen Julia-Durant-Reihe fort und hat mit Sabine Kaufmann und Ralph Angersbach ein eigenes Ermittlerduo geschaffen, das quer durch die hessische Provinz ermittelt.
Ben Tomasson
Ben Tomasson ist seit dem zweiten Band als Co-Autor der Sabine-Kaufmann-Reihe an Bord. Gemeinsam mit Daniel Holbe entwickelt er Plot und Schauplätze – oft direkt vor Ort, an den realen Original-Schauplätzen der Bücher.