Der vierte Band der großen Barbarossa-Saga

Friedrich Barbarossa wähnt sich im Zenit seiner Macht. Zum Kaiser gekrönt, von Königen hofiert, legt er sich sogar mit dem Papst an. Doch die Herren von Mailand provozieren und beleidigen ihn, mit dem jungen Sohn von König Konrad wächst ihm ein Rivale um den Thron heran, und reihenweise gehen Fürsten erneut in Opposition gegen seinen maßlosen Freund und Vetter Heinrich der Löwe, der skrupellos die Zollstation des Bischofs von Freising zerstört, um eine eigene in der noch unbedeutenden Ansiedlung München zu errichten. Vor allem aber braucht Barbarossa dringend einen Erben - doch dieses Glück bleibt ihm und seiner geliebten Beatrix über Jahre verwehrt.
Eine Sorge, die auch den Meißner Markgrafen Otto und seine junge Gemahlin Hedwig bedrückt, die Werber ausschicken, um Siedler in ihr Land zu holen. Auch Ottos Ritter Christian übernimmt diese nicht ungefährliche Aufgabe ...

Leseprobe

Schwert und Krone - Herz aus Stein

Königsmord

Adele von Meißen, dänische Königin und Gemahlin von Sven I I I . Estridsson; Roskilde, 9. August 1157

Panische Schreie gellten durch die eben noch friedliche Sommernacht, Waffengeklirr mischte sich mit dem Krachen von umgeworfenen Bänken und zerschellenden Krügen. Keuchend vor Entsetzen stützte sich Adele, die Tochter des verstorbenen Markgrafen von Meißen und junge Gemahlin des dänischen Königs Sven, mit beiden Händen auf einen wackligen Tisch. In dieses ärmliche Versteck hatte Sven sie eben erst geführt – kurz bevor das Blutbad da draußen begann. Am liebsten würde sie sich die Ohren zuhalten und die Augen schließen. Als könnte sie damit auslöschen, was im Palast neben dem Dom und in den Gassen vor sich ging. Fast meinte sie, den Kuss zu spüren, den ihr geliebter Mann ihr geben wollte, bevor er dieses schmale, windschiefe Haus unterhalb des Doms verließ. Doch sie hatte sich von ihm abgewandt. Denn auf dem kurzen Weg vom Palast hierher war Adele klar geworden, was Sven plante. Etwas so Abscheuliches und Unentschuldbares, dass sie nicht wusste, ob sie ihm je würde verzeihen können.

Sofern er überhaupt noch lebte.

Gemeinsam mit seinen Männern hatte Sven das Schwert gegen seine beiden Vettern und Mitkönige erhoben, Knut und Waldemar – bei einem Fest hier in der dänischen Königsstadt Roskilde, mit dem alle drei ihren Friedensschluss feiern wollten. Vor einer Viertelstunde noch hatte Adele mit ihnen an der Hohen Tafel gesessen und geplaudert.

Nun war sie vor Schreck wie gelähmt. Jäh schoss ihr der Mageninhalt in die Kehle. Mit Not schaffte sie es, zu einem Bottich zu stürzen, in den sie sich erbrach, bis nur noch Galle kam. Janne, ihre Leibdienerin und einzige Begleiterin, hatte seit der Ankunft im Versteck auf Knien und händeringend Gebete heruntergehaspelt. Nun hielt sie ihrer Herrin Kopf und Schleier und griff dann nach einem Krug Wasser, damit Adele den üblen Geschmack aus dem Mund spülen konnte.

»Sollen wir wirklich hier warten, bis es vorbei ist?«, flüsterte sie ängstlich. »Hier sind wir nicht sicher, meine Königin. Aber ohne männliche Begleiter können wir nirgendwohin. Und wenn Euch jemand erkennt ...«

Auch Janne hatte Svens Absichten durchschaut. Als er seine Gemahlin zu später Stunde persönlich aus dem Palast hinaus- geleitete, brachte er Adele zu ihrem Erstaunen nicht in ihr Quartier, wie sie anfangs hoffte, da sie sich nach einem langen Tag schon auf das Bett freute. Sondern er führte sie in dieses unscheinbare Haus, ohne irgendwelche Fragen zu beantworten.

Das war auch nicht nötig. Auf dem Weg hierher konnten die beiden jungen Frauen sehen, wie Sven sein Schwert gürtete, das er vor Beginn des Festes abgelegt hatte – zum Zeichen dafür, dass er den Frieden der Halle achten würde. Und seine dreihundert Kämpfer, die gerade aus Schonen eingetroffen waren und für die vor dem Palast reichlich aufgetafelt wurde, trugen allesamt Rüstung.

Dann war Sven sofort in den steinernen Palast neben dem Dom zurückgelaufen und hatte mit seinen waffenstarrenden Männern das Blutbad eröffnet.

Der Zorn der Angegriffenen würde vor seiner fremdländischen Gemahlin nicht haltmachen.

Falls Sven den Kampf gegen Knut und Waldemar verlor, war Adele keine Königin mehr, sondern die Witwe eines Eidbrüchigen und Königsmörders.

Falls er siegte, wäre sie die Gemahlin eines Eidbrüchigen und Königsmörders. Knut und Waldemar waren beliebt; die Dänen würden diesen heimtückischen Überfall nicht ungerächt lassen.

Adele wusste, dass Sven schon einmal vorgehabt hatte, seine beiden Vettern und Konkurrenten um den Thron in einen Hinterhalt zu locken und zu töten. Ihr Vater, Markgraf Konrad, sollte sie dazu auf den Meißner Burgberg einladen. Doch er hatte dieses Ansinnen sofort zurückgewiesen – entrüstet und angewidert.

Wie konnte ich mich so in Sven täuschen?, fragte sich die junge Frau. Wie konnte ich diesen Mann nur lieben? Und was soll ich jetzt tun? Sie hatte sich blenden lassen von seinem Aussehen und seinem Auftreten: Groß, blond und stark war er. Und sehr in sie verliebt.

Doch nun schwebten Janne und sie in Lebensgefahr und brauchten all ihre Sinne und all ihren Mut. Sie durften nicht in diesem Versteck bleiben, in das Sven sie geführt hatte, bevor er zu seiner grausigen Tat schritt.

Das war nur wenige Augenblicke her. Trotzdem hatte Adele keine Ahnung, ob ihr Gemahl noch lebte. Ob er seine beiden Mitkönige und Verwandten getötet hatte – oder Knut und Waldemar ihn.

Die Schreie, der Lärm und die kreischenden Stimmen der Fliehenden draußen verebbten nicht, sondern wurden immer lauter.

»Niemand darf uns hier finden«, raunte sie angstvoll ihrer Leibdienerin zu. »Und niemand darf uns erkennen!«

Mit zitternden Fingern versuchte Adele, die Schnüre ihres Prunkgewandes zu lösen, in dem sie bis eben noch beim Fest mit Svens Vettern und Knuts bildschöner Schwester Sophia von Minsk Versöhnung gefeiert hatte. Den Friedensschluss, der jedem der Thronanwärter den Titel König und ein Drittel des Landes zusicherte.

»Wohin wollt Ihr denn gehen?«, jammerte die sonst so be- herzte Janne. »Es gibt keinen Ort in Dänemark, an dem Ihr noch sicher seid, sobald sich herumspricht, dass Euer Gemahl den Frieden gebrochen und seine eigenen Verwandten ermordet hat.«

Die rundgesichtige Dienerin hielt kurz inne, lauschte dem Lärm von draußen und wisperte: »Hört nur! Bald weiß es jeder in dieser Stadt.«

Denn draußen kreischte eine Frau wieder und wieder: »Sven bringt alle um! Sven Estridsson hat den König getötet!« Welchen der Könige?, dachte Adele verzweifelt. Ich weiß nicht einmal, ob dies allein seine Idee war oder ob er sich mit einem der beiden anderen verbündet hat. Doch blieb ihr jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, wie sie Sven nach dieser Ungeheuerlichkeit noch zur Seite stehen konnte, sollte er die Nacht überleben. Sie musste fort von hier, denn Svens Feinde würden nach ihr suchen.

Nur wohin?

Sie wollte leben und zu ihrem erst wenige Wochen alten Töchterchen fliehen, das sie in Lüneburg in guter Obhut hatte zurücklassen müssen – auf Svens Befehl. Vermutlich hatte er da die Untat schon geplant, die er heute beging.

»Hilf mir in ein schlichtes Kleid und verbirg mein Haar«, flüsterte sie Janne zu. Mit ihren bebenden Fingern wollte es ein- fach nicht gelingen, die Schnürungen an den Seiten des pracht- vollen Bliauts zu entwirren.

Zu ihrem Glück und ihrer großen Verwunderung hatte sie in dem Versteck eine ihrer Kleidertruhen vorgefunden. Ein weiterer Beweis dafür, wie kaltblütig Sven seinen Verrat geplant hatte.

Janne zerrte ein schmuckloses Wollkleid über die Königin und verbarg Adeles auffälliges Haar – es war schwarz gelockt und nicht blond wie das der meisten Däninnen – unter einem doppelt verknoteten Tuch.

»Wenn Ihr draußen erkannt werdet, schlagen sie uns tot«, barmte sie, während sie der Königin ihren eigenen schlichten Umhang anlegte. »Ist es nicht sicherer, hier zu warten? Selbst wenn wir es bis zum Hafen schaffen ... Kein Schiff nimmt zwei ehrbare Frauen ohne männliche Begleiter auf!« Roskilde lag auf einer Insel, und es stimmte: Ohne Beisein eines Ehemannes oder anderer Verwandter als Vormund durften sie nicht reisen, geschweige denn ein Schiff betreten. »Selbst wenn Ihr mit Edelsteinen bezahlt ... Dadurch würde man Euch sofort erkennen ... Oder als Diebin hinrichten, sofern Ihr nicht Namen und Titel enthüllt«, fuhr Janne mit der Beschreibung ihrer Notlage fort.

»Es gibt nur eine Möglichkeit für uns, zu überleben«, wis- perte Adele zurück und drückte Jannes Hand. »Hab Mut, vertrau auf Gott und komm mit mir! Es sei denn, du willst hier auf deinen Mann warten.«

Sie öffnete die Tür einen winzigen Spalt und spähte hinaus. Die Gassen waren vollgestopft mit flüchtenden, kreischenden Menschen. Aus dem hell erleuchteten Palast sah sie Männer mit bluttriefenden Schwertern kommen und nach neuen Opfern suchen. Davor lagen zerstückelte Leichen; bei einigen hatten die Kleider Feuer gefangen. Fackeln und brennende Bänke beleuchteten die schrecklichen Bilder vor dem Palast mit zuckendem Licht in sternenklarer Nacht.

Die meisten Bewohner des Viertels versuchten immer noch, sich in den Dom zu retten und Zuflucht in Gottes Haus zu finden. Mütter trugen ihre Kinder auf dem Arm oder zerrten sie an der Hand mit sich. Mancher hatte hastig noch ein paar Habseligkeiten zusammengeschnürt, andere trugen nur Unterhemd und Umhang und liefen barfuß. Wer nicht schnell genug war, drohte von der panischen Menge umgerannt und zermalmt zu werden.

»Zum Hafen?«, flüsterte Janne.

»Nein. Dort hinauf!« Adele wies mit dem Kinn auf die Kathedrale neben dem Palast, zu der die Menschen angstvoll ström- ten. Sie zog sich die Gugel tiefer ins Gesicht und tat das Glei- che auch bei Janne.

Der Saum ihres Kleides verfing sich an einem Holznagel. Heftig zerrte sie, und der Stoff zerriss.

Die junge Meißnerin griff nach der Hand ihrer Vertrauten und rannte los, bis das Seitenstechen sie zum Stehenbleiben zwang. Sie hielt kurz inne, schnappte nach Luft und rannte dann weiter. In der Linken trug sie ein kleines Bündel, in das sie ein warmes Kleid, ihren silbernen Haarreif und die edelsteinbesetzten Ringe geschnürt hatte – für den Fall, dass sie jemanden für seine Hilfe bestechen musste.

»Und wenn uns Bewaffnete angreifen? Oder uns irgendwer erkennt?«, keuchte Janne.

»Wir können sonst nirgendwohin. Und in dem Versteck hätte man uns schon bald gefunden. Also lauf schnell!«

Immer wieder spähte Adele nach links und rechts, so gut es in dem wilden Durcheinander von verängstigten Menschen ging, zog ihre Vertraute mit sich, während sie sich unter diejenigen mischten, die zum Dom flüchteten. Sie ließen sich von den Stadtbewohnern mitreißen und folgten dem Strom derer, die nur noch das geöffnete Kirchenportal als Ziel vor Augen hatten.

Einmal erhielt Adele einen so wuchtigen Stoß in den Rücken, dass sie stolperte und beinahe stürzte. Janne fing sie auf.

Die junge Meißnerin fürchtete schon, dass jemand anklagend auf sie zeigen und schreien würde: »Da ist die Königin! Die Frau des Mörders! Schlagt sie tot!«

Doch zum Glück erkannte niemand sie. Unter Einsatz der Ellenbogen kämpften sie sich weiter durch, keuchend vor Atemnot und Angst.

Doch als sie das Innere der Kirche erreicht hatten, versuchte Adele erst gar nicht, sich in der Menge zu verstecken. Sie drängte sich mit Janne zum Altar vor, legte ihre rechte Hand auf den mit bestickten Tüchern verzierten Altartisch und sagte, leise und um Atem ringend, zu dem dort stehenden Messdiener: »Ich ... ersuche ... um ... Kirchenasyl.«

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Das Barbarossa-Epos

Sabine Ebert war als Journalistin und Sachbuchautorin tätig und begann aus Passion für deutsche Geschichte, historische Romane zu schreiben, die allesamt zu Bestsellern wurden.
Ihr Debütroman „Das Geheimnis der Hebamme wurde von der ARD als Event-Zweiteiler verfilmt und in einer umjubelten Theaterfassung auf der Felsenbühne Rathen uraufgeführt.
Mit dem ...

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