Vom Leben als Seniorentochter

Wenn die Eltern alt werden, machen wir eine Rolle rückwärts – jetzt kümmern wir uns um sie, statt sie sich um uns. Das kann man tragisch oder komisch sehen. Bestsellerautorin Monika Bittl hat sich für den Humor entschieden, denn ein Leben als Seniorentochter ist höchst anstrengend, aber auch voller Überraschungen. In unterhaltsamen Alltagsgeschichten erzählt sie vom Abenteuer, in einem Sammlerhaushalt Steuerunterlagen zu finden, vom Aufschrei der Mutter: »Ich geh nicht ins Gedächtnistraining, da sind doch nur alte Leute!«, vom eigenwilligen Ergebnis eines Briefings zum Besuch des Pflegegutachters: »Ich soll sagen, dass es mir schlecht geht!« und davon, wie Google Übersetzer bei der Arbeit mit osteuropäischen Pflegekräften zur besten Freundin wurde.

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Interview mit Monika Bittl

Die Eltern werden alt, und wir machen eine Rolle rückwärts – jetzt kümmern wir uns um sie. Müssen wir davor Panik haben?

MB: Natürlich! Panik ist immer der beste Ratgeber im Leben. Und Profis verstehen das sogar bis hin zum Burn-out zu perfektionieren! Aber nein, ernsthaft: Panik entsteht nur, wenn wir keinen Ausweg mehr sehen. Senioreneltern sind aber keine Sackgasse, sondern ein Pfad mit vielen Abzweigungen zu schönen Begegnungen.

Man kann es tragisch oder komisch sehen, sich um die alten Eltern zu kümmern. Sie haben sich für den Humor entschieden. Wieso?

MB: Weil es der Welt völlig egal ist, ob ich mein Schicksal beweine oder mich darüber lustig mache. Als Frau über 50 habe ich gelernt, dass sich bestimmte Dinge nicht ändern lassen - aber meinen Blickwinkel auf diese. Sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen bestätigt die alte Weisheit: Lachen ist die beste Medizin!

Was hat Sie inspiriert, dieses unterhaltsame Buch zu schreiben und planen Sie bereits neue Projekte?

MB: Das schlechte Gewissen, mich nicht genügend um meine „Alten“ zu kümmern, weil ich den schleichenden Abbau und die Rollenumkehr zunächst nicht wahrhaben wollte. Irgendwann wurde mir aber klar: Es geht nicht nur mir so, und ich wollte meine Erfahrungen mit anderen teilen und ihnen Mut machen.

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Vorwort

Uns Frauen der »Generation Seniorentochter« macht normalerweise so schnell keiner was vor – nicht mal mehr wir uns selbst. Nach den persönlichen Verunsicherungswellen der ersten Jahrzehnte unseres Lebens sind wir endlich stark, souverän und selbstbewusst geworden. Wir haben miese Chefs, exorbitante Steuernachzahlungen, Arbeitslosigkeit und schlaflose Nächte mit Kleinkindern überlebt. Wir haben unmögliche Typen vor die Tür gesetzt, bleiben mit weniger unmöglichen Männern zusammen oder geben als Single nicht mehr jedem Kerl die richtige Handynummer. Wir sehen Konflikte als Gratisfortbildungen und haben vor allem auch gelernt, »Nein« zu sagen – in erster Linie zu all den Dieben, die uns unsere Zeit stehlen wollen wie nervige Bekannte, energieraubende Verwandte oder arrogante Kollegen. Wir durchschauen Manipulationsmethoden, Marketingtricks und Machtspielchen und machen bisweilen trotzdem noch all den Blödsinn, für den uns mit zwanzig bloß das Geld gefehlt hat – aber mangels psychischer und physischer Kondition nur noch eine Stunde am Tag. Kurzum: Wir sind endlich erwachsen geworden und haben nun sogar die menschliche Reife, das Richtige zu tun, obwohl es unsere Eltern empfohlen haben.

Doch dann klingelt mitten in unserem epochalen Höchststand des Selbstbewusstseins plötzlich das Handy und wir erhalten Anrufe wie diese: »Du, dem Papa geht’s nicht so gut, kannst du mal kommen?«, oder: »Hier ist das Klinikum Neustadt, wir haben den Seelsorger zur Krankensalbung Ihrer Mutter geholt«, oder: »Müller, Josef, der Nachbar. Wenn du nicht endlich das Löwenzahnproblem im Garten deiner Alten behebst, zeigen wir sie an! So geht das nicht mehr weiter, da wachsen jetzt schon drei Stück! Die ruinieren uns noch das ganze Grundstück mit dieser Verwahrlosung daneben.«

Solche Nachrichten schrecken uns leider nicht nur kurzfristig, sondern dauerhaft hoch. Plötzlich wird uns klar, dass eine neue Lebensphase beginnt und uns nun möglicherweise jeden Moment noch schlimmere derartige Hiobsbotschaften erreichen könnten. Wir stehen vor emotionalen und organisatorischen Herausforderungen der Extraklasse: Wie sag ich meinen Eltern, was sie tun sollten? Wie bekomme ich Job, Haushalt und Familie mitsamt botanischer Fortbildung (Stichwort »Löwenzahnbekämpfung«), Krankenhausbesuchen, Finden von Steuerunterlagen in einem Sammlereinfamilienhaus, Handy-Einweisungen (»Die grüne Taste ist zum Abnehmen«) oder gar die Erforschung eines unbekannten Universums namens »24 / 7-Pflege« unter einen Hut?

Da wir als mitten im Leben stehende Frauen gelernt haben, Lösungen zu suchen, statt Probleme zu wälzen, bleiben wir bei den praktischen Herausforderungen meist noch ganz gelassen – nach dem Motto: »Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal.« Weniger entspannt können wir jedoch mit all den Emotionen umgehen, die uns plötzlich überrumpeln. Gefühlsstürme, von denen wir glaubten, wir hätten sie nach der Pubertät daheim im Kinderzimmer zurückgelassen und sie würden dort für immer vor sich hin gammeln, wühlen uns auf. Wir kommen den Eltern mit all ihren guten und schlechten Seiten wieder näher, als uns lieb ist – nur unter anderen Vorzeichen. Während wir damals riefen: »Sie wollen nur unser Bestes, aber das kriegen sie nicht!«, fragen wir uns heute: »Wie kriege ich es hin, ihnen mein Bestes zu geben?«

Der Satz »Kinder wissen, wie anstrengend es ist, Eltern zu haben« erhält plötzlich eine neue, tiefere Dimension. Während wir damals die moralische Instanz der Eltern mit ihren Geboten und Verboten ganz selbstverständlich mit einem »Die können mich mal!« in die Tonne gestampft haben, geben wir nun selbst den inneren Moralapostel und liefern uns einem ewig schlechten Gewissen aus, nicht genug zu tun. Wir fühlen uns wie missratene Töchter, egomanische Karrierefrauen oder rücksichtslose Verteidigungsministerinnen unseres eigenen Lebens (und haben nicht mal sieben Kinder oder einen Regierungsauftrag dazu in der Hinterhand), obwohl wir unseren Kids jahrelang erklärt haben: »Das schlechte Gewissen schadet dir nur und bringt anderen gar nichts.«

Wo und wie war das noch mal mit der weiblichen Emanzipation? Wir sind doch bisher so selbstsicher geworden wie keine Frauengeneration vor uns. Wir haben Alice Schwarzer gelesen, den Mount Everest bestiegen und sind sogar Vorstandsvorsitzende und Bundeskanzlerin geworden. Wir haben den Männern ein IN oder ein * angehängt und mit unserer Lebenserwartung nach der Entdeckung des Kindbettfiebers die Männer statistisch abgehängt. Wir kämpfen zwar immer noch damit, Kind, Küche, Kerl und Karriere unter einen Hut zu kriegen, aber haben wenigstens die Freiheit, uns mehr oder weniger ohne gesellschaftliche Ächtung aussuchen zu können, wie wir das gestalten. Wir können Hausfrau werden, ein Kindermädchen engagieren, Karriere machen, Stütze als Alleinerziehende beantragen oder – wie im Normalfall – einen ganz persönlichen Mix aus alldem leben, je nachdem, was für uns ganz individuell das Beste ist. Wir haben sogar gelernt, diese Freiheit mit einer großen Toleranz zu verteidigen und anderen Frauen nicht mehr vorzuschreiben, dass sie »daheim bleiben« oder auf Kinder zugunsten von Karriere verzichten oder sie sich wahlweise in Blümchenschürze oder lila Latzhosen kleiden sollten. Klar lästern wir nach wie vor gerne über Birkenstocksandalen oder alternativ High Heels ab – aber das ist uns als privater Spaß bewusst, jenseits der Errungenschaften unserer weiblichen gesellschaftlichen Erfolgsgeschichte, hinter der wir alle gemeinsam stehen. Wir wissen, dass das Private auch politisch und ein löwenzahnloser Garten der Eltern ein Normdruck auf die Mutter ist.

Doch dann erwischt es uns eiskalt, wenn die Eltern plötzlich Fürsorge oder gar Pflege brauchen. Wenn wir eine Rolle rückwärts machen und nicht mehr die Kinder von starken Erwachsenen sein können, sondern plötzlich starke Kinder für schwächer werdende Erwachsene sein müssen – wenn die Eltern fast wieder wie Kinder werden. Statt dass Mama und Papa uns sagen, was wir tun und lassen sollten, müssen wir nun bisweilen auf einmal für sie entscheiden, was sie lieber tun oder lassen sollten. Manchmal aus dem Stand heraus – meist jedoch in einem schleichenden Prozess, verbunden mit Schuldgefühlen, uns zu wenig um die Alten zu kümmern.

Für diese neue Lebensphase haben wir im ersten Moment kein Konzept oder gar Rezept. Strukturen, Mechanismen und Befindlichkeiten, von denen wir bis dato dachten, wir hätten uns längst davon emanzipiert, greifen uns plötzlich aus dem Hinterhalt an. »Plötzlich« – denn die Familienplanung oder die Karriere konnten wir mit der Pille oder Bewerbungsschreiben aktiv beeinflussen. Der Alterungsprozess unserer Eltern aber lässt sich nicht einfach in ein Terminbuch eintragen, selbst wenn er längerfristig absehbar ist. Wir haben zwar abstrakt »irgendwann einmal« immer damit gerechnet, dass »was auf uns zukommt« – aber doch nicht schon jetzt! Und ehe wir’s uns versehen, sprechen wir plötzlich mit so unbekannten Wesen wie Geriatrieärzten, verstehen Sanitätshäuser nicht mehr falsch als Installateurbetriebe und kennen bürokratische Monster wie Witwenrentenanträge.

Männer nehmen sich jetzt zwar auch öfter »Elternzeit« – aber nur für die Kinder. Bis zu einer fairen Aufteilung der Pflege der »Alten« haben wir Frauen die Emanzipation noch nicht vorangetrieben. Denn noch immer sind es hauptsächlich die Töchter, die sich um Vater und Mutter kümmern. Wer Glück hat, versteht sich mit den Geschwistern oder nahen Verwandten gut und teilt sich mit ihnen die Verantwortung. Auch Freunde, nette Nachbarn, ein gutes Netzwerk vor Ort oder eine »Dr. med. Cousine« sind ein Segen. Und alle eigenen Gefühle – auch die negativen – wertneutral zuzulassen stärkt uns enorm, weil wir mit diesem Eingeständnis einen ersten Schritt dahin machen, Krisen auch als Chancen zu verstehen – eine Binse, die wir jetzt aber souverän auch zulassen können, weil wir uns diese Einsicht selbst hart erarbeitet haben und sie anwenden können.

Ohne es im ersten Moment zu verstehen, finden wir uns als »Generation Seniorentochter« meist irgendwann in einer Lage wieder, auf die uns niemand vorbereitet hat: Wir zehren uns in Fürsorge auf und ignorieren dabei unsere Grenzen. Wir lieben Mama und Papa, wollen zurückgeben, was sie uns einst gegeben haben, und blenden die Implikationen der »Rolle rückwärts« aus. Denn wir haben zwar im Laufe unserer Emanzipationsgeschichte gelernt, was es heißt, eine gute Mutter zu sein: eine, die auch ihre eigenen Bedürfnisse sieht und sich nicht bloß aufopfert. Dass wir im Notfall wie im Flugzeug zuerst uns und dann erst den Kindern die Sauerstoffmaske anlegen sollen und der alte Hebammenspruch stimmt: »Dem Kind geht es gut, wenn es der Mutter gut geht – und nicht in umgekehrter Reihenfolge!« Was wir aber nicht gelernt haben: dass es sich mit einer »guten Tochter« ähnlich verhält wie mit einer »guten Mutter«. Dafür haben wir keine Orientierung an Rollen-Vorbildern, sondern nur die verinnerlichten Stimmen gehässiger Verwandten im Ohr: »Diese undankbare Göre lässt die Eltern in Stich und zieht nicht zu ihnen zurück oder holt sie zu sich heim!«

Oft lässt sich die Entwicklung der in die Jahre kommenden Alten in drei Phasen einteilen: 1. Schleichende Verschlechterung, 2. Dramatische Verdichtung mit Krankenhausaufenthalten, 3. Pflegesituation.

In diesem Buch gibt es zu all diesen Entwicklungen Geschichten in abwechslungsreichen Formen. Die Kapitel hier berichten aber nicht tragisch von einem sich stets verschlimmernden Verfall, sondern vom Suchen und Finden des Humors selbst in schlimmsten Lebenssituationen – und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe alle drei Stadien mit meinen beiden Elternteilen durchlebt. Ich weiß, was es bedeutet, sich nach ausuferndem »Krankenhaus-Hopping« nicht über fünf verlorene Kilos zu freuen. Ich weiß, was es bedeutet, wenn ungeputzte Fußböden plötzlich so unwichtig werden wie der sprichwörtlich umgefallene Sack Reis in China. Wenn aufmunternde Worte bedeutsamer werden als jeder kleine Lottogewinn. Und was einen dazu bringt, sich eines schönen Sommertags ganz alleine vor ein Café zu setzen, sich einen Cappuccino zu bestellen und schlicht das lebendige Leben »da draußen« jenseits von Krankheit und Pflege samt dem eigenen Dasein für den Moment zu genießen.

Buch Mockup Monika Bittl - Jünger wären mir die Alten lieber

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Monika Bittl

Monika Bittl

Monika Bittl (1963-2022), in einem kleinen bayrischen Dorf aufgewachsen, hat nach einer journalistischen Ausbildung und Auslandsaufenthalten in Sizilien, Ägypten und Island Germanistik, Psychologie und Film in München studiert. Als freie Autorin schrieb sie mit großem Erfolg Drehbücher, Sachbücher und Romane. Ich hatte mich jünger in Erinnerung stand ein halbes Jahr auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste und zwei Jahre lang unter den Top 20.

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