Kraftvoll, poetisch und dicht geknüpft

Museumskuratorin Mia Sund hat dieses Gespür für alte Fasern, neue Namen und Echtheit aller Art. Nicht zuletzt, weil in ihrem Leben einiges schiefgelaufen ist. Das ändert sich, als sie einen pommerschen Fischerteppich kuratieren soll, denn der entbirgt eine Geschichte von so widerständiger, unbändiger Daseinsfreude, dass sie gar nicht anders kann, als daraus den Mut zu ziehen, auch Ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.

Fischers Frau

Bestseller
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Karin Kalisa

Karin Kalisa

Karin Kalisa, geboren 1965, lebt nach Stationen in Bremerhaven, Hamburg, Tokio und Wien seit einigen Jahren im Osten Berlins. Sowohl als Wissenschaftlerin als auch mit dem Blick einer Literatin forscht sie in den Feldern asiatischer Sprachen, philosophischer Denkfiguren und ethnologischer Beschreibungen. Nach Karin Kalisas erstem Roman "Sungs Laden" erschienen ihre Wintererzählung "Sternstunde" und ihre weiteren Romane "Radio Activity" und "Bergsalz".

Wo genau zwischen Märchen und historischer Dokumentation verorten Sie Ihren Roman?

Karin Kalisa: Auch wenn die Umschulung von Fischern zu Teppichknüpfern den historischen Hintergrund des Romans bildet, handelt es sich bei Fischers Frau gerade nicht um fiktionalisierte Geschichtsschreibung. Alle Figuren sind frei erfunden. Vom Märchen wiederum, in dem die Frau des Fischers im Wünschen kein Maß findet, gehen Motive in den Roman ein, aber befragt, bearbeitet, auf den Kopf gestellt.

Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek (Dresden) ; Nachlass Stundl, Rudolf (1897-1990).  Mscr.Dresd.App.2566, 935.

Karin Kalisa, Fischers Frau

Was machte die Fischerteppiche, die Perser von der Ostsee so besonders?

Karin Kalisa: Robert Stundl, der angeworbene Tapisserist, hat sich mit großer Verve an die Arbeit gemacht. Wichtig war es ihm, den Fischerinnen und Fischern nicht nur das Knüpfen der persischen und türkischen Knoten beizubringen, sondern sie neue Muster, Muster von der Küste, erfinden zu lassen. Nur dann wären die Teppiche echt – so sein Credo.

Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek (Dresden) ; Nachlass Stundl, Rudolf (1897-1990).  Mscr.Dresd.App.2566, 936.

Karin Kalisa, Fischers Frau
Leseprobe

Fischers Frau

Greifswald, Gegenwart

Was einmal war, es – hätte gewesen sein sollen.
Dass in ihrem Leben alle Tage gleich von einem Heute in ein Morgen übergehen, dass jedes Gestern das gleiche Gesicht wie ein Heute oder ein Morgen tragen solle und alle diese Gestern Heute und Morgen einen Zeitraum bildeten, in dem nichts zu fürchten, nichts zu wünschen und zu wollen sein würde, solange nur die Vergangenheit außen vor bliebe, genau dies war der einzige Wunsch, der in Mia Sunds Leben Platz hatte. Und weil es der einzige war, dachte sie, er könne erfüllt werden; nur dieser eine.
Sie hätte wissen müssen, dass die Vergangenheit nicht mit sich handeln ließ.

Als die Vergangenheit bei ihr einbrach, war Mia Sund nicht in der Lage, sich ihr zu stellen, sie ergriff auch nicht die Flucht, sie blieb wie angewurzelt in der Mitte ihres Büros stehen, während sie fieberhaft eine Antwort darauf suchte, ob es wirklich ihre Vergangenheit war, die da ohne jede Ankündigung wieder bei ihr eingefallen war, oder etwas, was sich bloß den Anschein gab. Falls es wirklich die Vergangenheit gewesen sein sollte, hatte es ihr gefallen, sich die vertraute Gestalt ihres Kollegen Holger Berends zu geben – einen Meter und achtzig groß, Dreitagebart, honiggelbe Halbbrille, struppiges Graublond – und ihn als ihr Sprachrohr zu benutzen: »Nicht, dass es eine Fälschung ist«, hatte sie ihn sagen lassen, während er auf der Schwelle stand, genau wie sie selbst damals auf einer Schwelle gestanden und eins zu eins diesen Satz gesagt hatte, gegen eine sich schließende Tür: »Nicht, dass es eine Fälschung ist.« Im allerletzten Moment hatte sie damals diesen Satz gesagt, gegen ihren Willen, aus einem ihr selbst unerklärlichen Impuls heraus – vielleicht der vagen Idee, der, dem sie das sagte, könne sich auf diesen Fingerzeig hin selbst retten und sie mit dazu; er möge endlich einmal das Richtige tun, ihr dankbar sein, sie schonen, mit ihr einen neuen Anfang finden. »Nicht, dass es eine Fälschung ist«, hatte sie gesagt, mehr geflüstert als gesagt hatte sie das damals, aber er – er war wieder laut geworden; auf seine Art: in wenigen Sekunden vom Flüstern mit fast geschlossenen Lippen zu erhobener Stimme und zu einem schrecklichen Schreien, dicht vor ihrem Gesicht. Als ob er eine Fälschung nicht erkennen könne. Ob sie meine, sie wisse es besser. Sei nicht vielmehr an ihr so einiges falsch? Nahezu alles, wenn er es recht bedenke. Ein letzter kalter Blick, bevor die Tür, hinter der die Zertifikate geschrieben wurden, mit dem Fuß zugestoßen wurde. Damals war sie auf der Schwelle stehen geblieben; unfähig, sich fortzubewegen, gleichermaßen heilfroh und tief verzweifelt, dass diese Tür jetzt zu war. Ein für alle Mal.
Und ja, sie hatte es besser gewusst.

Diesmal war nicht ihr Vater auf der anderen Seite der Tür, sondern Holger Berends – Vineta-Forscher und Museumspädagoge. Von Zimmer 117 zu Zimmer 302 hatte er sich hinaufbemüht, um ihr einen kürzlich ins Haus gekommenen Wandteppich auf den Tisch zu legen. Mit dem wisse er nichts anzufangen. Fischerteppich wahrscheinlich. Eher von früher. Ein Fall für die Kollegin, wie ihm schien. Hatte keine Antwort abgewartet, war schon halb draußen gewesen, als er sich auf der Schwelle noch einmal umdrehte: »Nicht, dass es eine Fälschung ist.«
War mit ihm, war in diesem Moment die Vergangenheit bei ihr eingebrochen? Anders als bei Einbrechern üblich, hatte er nichts mitgenommen, sondern etwas dagelassen: einen Teppich und einen Halbsatz. Völlig offen, ob mit einem von beiden oder keinem von beiden oder mit allen beiden etwas nicht stimmte.

Warum in aller Welt hatte Holger Berends ihr diesen Teppich gebracht? »Eher von früher« war im Zusammenhang mit ihr ein Witz. Eine Faserarchäologin kümmerte sich um mehrere Tausend Jahre alte Spuren von Gewebe. Um Leichentücher – in erdgeschichtlicher Dimension. Zeitgenössisches, Vollständiges fiel nicht in ihr Ressort. Wie alt konnte ein Fischerteppich sein, der »eher von früher« war? Noch nicht einmal hundert Jahre. In der Eingangshalle hing ein halbes Dutzend hinter Glas. Auf den ersten Blick kam ihr im Vergleich mit den Exemplaren, die sie tagtäglich im Vorübergehen sah, ohne sie anzusehen, nichts sonderlich falsch vor. Ähnliches Maß, hundert mal hundertachtzig schätzte sie, schöne ornamentale Kante, gängige Motivik: acht Koggen, von denen die oberen vier nach Osten, die unteren vier nach Westen fuhren. Das Ganze ziemlich Grün in Grün. Aber warum sollte eine schlichte Vorliebe für Grüntöne einen Verdacht erzeugen? Insgesamt handelte es sich wahrscheinlich um nichts anderes als um ein recht typisches, nur eben zur Monochromie neigendes Exemplar dieser lokalen Teppichknüpferei. Angenommen, er wäre knappe einhundert Jahre alt, könnten Spektroskopie und Chromatografie das bestätigen. Aber warum sollte überhaupt ein derartiger Aufwand getrieben werden? Nein, es musste eine Falle sein. Wer spielte mit ihr?

»Eindringlich und mitreißend schreibt Karin Kalisa über Einsamkeit und Mitmenschlichkeit. Wunderbar zu lesen!«

buch aktuell erlesen über »Bergsalz«

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