Pendergast – The Beginning: Preston & Child im exklusiven Interview
Douglas Preston & Lincoln Child im Gespräch über den Ursprung einer Legende
Die Wurzeln des exzentrischen Genies
DK: Nach 22 Bänden, in denen wir unserem Superhelden, dem exzentrischen, hochintelligenten, fast unnahbaren doch charmanten Pendergast, durch unglaubliche Abenteuer gefolgt sind, gehen Sie nun zurück an den absoluten Anfang.
Warum ist genau jetzt – nach 31 Jahren – der richtige Zeitpunkt, um zu erzählen, wie alles begann?
P&C: Das ist eine Frage, die sich die Leser*innen schon fast seit Erscheinen der ersten Pendergast-Romane stellen. Seine Vergangenheit war stets geheimnisumwittert – mit nur vereinzelten Andeutungen hier und da über seine Vergangenheit, seine seltsame Familie und seine bizarre Abstammung.
Jetzt, nach einunddreißig Jahren, schien es an der Zeit, den Leser*innen seine „Entstehungsgeschichte“ zu erzählen. Natürlich verraten wir nicht alle Geheimnisse …
DK: Wie unterscheidet sich der A. X. L. Pendergast in Pendergast - The Beginning von dem Mann, den wir in Relic kennengelernt haben?
P&C: Eine der größten Freuden beim Schreiben dieses Buches war es für uns, die Art und Weise auszuarbeiten, wie Pendergast Anfängerfehler machte – manchmal alberne, oft amüsante –, und wie sich sein ungewöhnlicher Charakter bereits durch den Blick zurück in der Vergangenheit abzeichnete.
Natürlich hatte er bereits eine militärische Ausbildung absolviert, doch der Eintritt in das FBI, die Ermittlungen nach dessen Vorschriften und die Anpassung an dessen Bürokratie waren für ihn etwas Neues und Schwieriges.
Bei seinem ersten Fall lernte er viel – doch ironischerweise lernte auch der ältere Agent, der mit ihm zusammenarbeitete, einiges von Pendergast.
DK: In Pendergast - The Beginning wird Pendergast dem FBI Dwight Chambers zugeteilt. Chambers empfindet seinen neuen Juniorpartner anfangs als rätselhaft und nervtötend. Was macht Pendergast für „normale“ Menschen oder klassische FBI-Agenten so anstrengend?
P&C: Pendergast hat keine Geduld mit Dummköpfen; er leidet unter dem Joch strenger Regeln; und oft möchte er seinen eigenen Weg gehen, wenn er glaubt, sein Ziel schneller erreichen zu können, wenn er nicht durch andere behindert wird.
Im Alltag mag dies einfach als unhöfliches oder anmaßendes Verhalten rüberkommen, aber in einem regelgebundenen Umfeld wie dem FBI bereitet es seinen Vorgesetzten Kopfzerbrechen … und seinem Partner Probleme, der ihn ständig im Zaum halten muss.
Der wahre Horror und die Atmosphäre des Südens
DK: Im Klappentext heißt es, dass nach der Lösung des Falls „der wahre Horror“ beginnt. Ohne zu viel zu verraten: Setzt dieser Fall eine Kettenreaktion in Bewegung, die Pendergasts gesamtes weiteres Leben und seine spätere FBI-Karriere prägen wird?
P&C: Der „wahre Horror“ prägt tatsächlich Pendergasts weiteren Werdegang oder beeinflusst ihn zumindest. Die Kettenreaktion, die die Ermittlungen auslösen, und die Geheimnisse, die dabei ans Licht kommen, tragen wesentlich dazu bei, Pendergasts Interesse an abweichender Psychologie, Serienmördern und ungewöhnlichen Verbrechen zu festigen – mit einem Hauch von Übernatürlichem.
DK: Zurück zum Anfang, bedeutet aber auch, dass die Fans den weiteren Lebensweg und Abenteuer von Pendergast bestens kennen. Wie kriegt man da einen spannenden oder überraschenden Cliffhanger als Ende hin?
P&C: Sobald wir eine Idee hatten, wie wir das Buch beenden könnten, war es eigentlich ganz einfach – wir haben die Dinge einfach so arrangiert, dass das Ende von Pendergast – The Beginning nahtlos in den Anfang von Relic übergehen konnte.
Wir hielten das für die eleganteste und befriedigendste Art, den Roman zu beenden: indem wir den Kreis schließen. Das Ende von Pendergast – The Beginning ist also das erste Pendergast-Kapitel in Relic.
DK: Die Reihe um Pendergast zeichnet sich durch eine perfekte Balance aus harter Wissenschaft und unheimlichen Mystery-Elementen aus. Wie viel Zeit investieren Sie in die Recherche aktueller Forschung, um Pendergasts Fälle plausibel zu machen?
P&C: Je nach Buch verbringen wir unter Umständen ziemlich viel Zeit mit Recherchen. Das gilt sowohl für die Recherche nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch für die Art und Weise, wie Dinge in der Vergangenheit gehandhabt wurden – wie in Pendergast – The Beginning, das 1994 spielt, oder im 19. Jahrhundert, in dem die vorangegangene Trilogie sich zuträgt.
Wir sind beide hervorragende Rechercheure und glauben, dass gute Belletristik gute Recherche erfordert.
DK: Die Geschichte beginnt in Louisiana. Inwiefern hat die "Gothic-Atmosphäre" des Südens Pendergasts späteren Ermittlungsstil geprägt? War New Orleans der Ort, an dem sein Interesse für das Okkulte und Kuriose geweckt wurde?
P&C: Die gotische Atmosphäre des Südens – mit ihrem Spanischen Moos und den Schaukelstühlen auf der Veranda, den verfallenden Fassaden der alten Villen, hinter denen sich dunklere und alte Geheimnisse verbergen, ob okkult oder anderweitig – ist ein fester Bestandteil des Pendergast-Universums, da er selbst aus einem gotischen Umfeld und einer entsprechenden Ahnenreihe stammt.
Das Aufwachsen in einer alten Villa in der Dauphine Street in New Orleans hat seine Faszination für das Außergewöhnliche und Bizarre zweifellos geprägt – worauf wir hier und da in einigen der früheren Romane anspielen.
Über 30 Jahre Frische: Holmes, KI und das Erfolgsgeheimnis
DK: Pendergast wird oft mit Holmes verglichen, doch er ist deutlich düsterer und durch seine Familiengeschichte belastet. Was ist Ihrer Meinung nach der entscheidende Charakterzug, der ihn seit über 30 Jahren frisch hält?
Es gibt bestimmte Aspekte, die wir zu Beginn eines neuen Pendergast-Romans berücksichtigen: Soll seine Vergangenheit eine Rolle spielen?
Soll es sich um eine Fortsetzung von etwas handeln, das vor mehreren Büchern geschah?
P&C: Soll die Geschichte völlig neu sein und an einem höchst ungewöhnlichen Ort spielen? – doch das ist lediglich Kulisse. Was Pendergast frisch gehalten hat – ob nun wegen oder trotz dieser Entscheidungen unsererseits – bleibt ein Rätsel.
Mit Sicherheit können wir nur sagen, dass er auf den Seiten von Relic scheinbar voll ausgebildet zum Leben erwacht ist … und unsere Aufgabe bestand lediglich darin, sein Vermächtnis zu bewahren und sein Kommen und Gehen mit einer gewissen Sorgfalt zu dokumentieren.
DK: Jeder Pendergast-Thriller landet auf der Bestsellerliste. Was ist das "Geheimrezept" Ihrer Zusammenarbeit, das verhindert, dass nach 23 Bänden Routine einkehrt?
P&C: Wir haben große Angst davor, in eine Routine zu verfallen, wie es bei manchen anderen Autoren der Fall ist, wenn sie lange Reihen mit denselben Figuren schreiben. Wir bemühen uns, Ideen zu entwickeln, die neu, frisch, seltsam, bizarr und unerwartet sind. Und als Autorenduo fordern wir uns gegenseitig ständig heraus.
DK: Wie schwer ist es in der heutigen Zeit, in der auch Forensik und Technik so fortgeschritten sind, immer wieder einen neuen Ansatz für einen Kriminalfall zu erschaffen, der keinem klassischen Profil entspricht?
P&C: Es gibt viele hervorragende Autor*innen – was bedeutet, dass gute Ideen, auf die noch niemand gekommen ist, schwer zu finden sind. Wir sind beide in unserem Denken und unserer Weltanschauung etwas eigenartig, und das hilft uns sehr dabei, auf Ideen zu kommen, an die andere noch nicht gedacht haben. Wir halten uns stets über die neuesten Entwicklungen in der Forensik und Technologie auf dem Laufenden, damit unsere Bücher nicht veralten.
Andererseits spielt Pendergast – The Beginning im Jahr 1994, sodass wir recherchieren mussten, wie forensische Ermittlungen damals abliefen. Stellen Sie sich eine Welt ohne Handys vor …!
DK: Pendergast verlässt sich in erster Linie auf seinen Verstand und klassische Methoden. Wie steht er (und wie stehen Sie) zur rasanten Entwicklung von KI und digitaler Forensik in der Kriminalistik?
P&C: Dies ist ein völlig neues Forschungsgebiet, und derzeit lässt sich nur schwer genau vorhersagen, wie sich KI als Instrument der Kriminalarbeit weiterentwickeln wird – auch wenn sie die Ermittlung zweifellos grundlegend verändern und sowohl bei ungelösten Fällen als auch bei künftigen Straftaten zu ungewöhnlichen Durchbrüchen führen wird.
Wir glauben jedoch, dass KI die Rolle des menschlichen Verstandes, der Einsicht, der Intuition und der logischen Schlussfolgerung bei der Aufklärung von Verbrechen nicht vollständig ersetzen wird. Es wird immer einen Platz für einen A.X.L. Pendergast geben.
Kein Masterplan, dafür produktiver Streit
DK: Wenn man die gesamte Reihe betrachtet - von den Museums-Ermittlungen in New York über die Diogenes-Trilogie bis hin zum Kabinett des Dr. Leng: Gab es (im geheimen) schon immer einen Masterplan für das Pendergast-Universum, oder lassen Sie sich selbst von Band zu Band überraschen, wohin die Reise geht?
P&C: Wir haben sich von den Figuren mitreißen lassen – und was für eine verrückte Reise das gewesen ist!
Es hätte uns als Autoren keinen Spaß gemacht, wenn wir von Anfang an ein Masterdokument und einen Plan für das Pendergast-Universum erstellt hätten. Wir haben dieses Universum gemeinsam mit unseren Figuren in Echtzeit entdeckt, und das hat unser Leben wirklich interessant gemacht.
DK: Nach so vielen Jahren Ihrer Zusammenarbeit: Gibt es Aspekte an Pendergast, über die Sie sich bis heute uneinig sind? Und was begeistert Sie beide an Pendergast bis heute?
P&C: Wir sind uns zwar nach wie vor ständig uneinig, aber diese Meinungsverschiedenheiten sind fruchtbar. Wir spornen uns gegenseitig an, unser Bestes zu geben, und wie man so schön sagt: Wir machen uns gegenseitig die „Lieblinge“ kaputt.
Auch wenn wir Pendergast sicherlich genauso gut kennen wie viele echte Menschen in unserem Leben, haben wir doch manchmal unterschiedliche Vorstellungen von seinen Vorlieben.
Was wir an Pendergast lieben, ist, dass er ein Mann ist, der weder in diese Zeit noch an diesen Ort passt – ein Mann von Welt und Brillanz, dem es egal ist, was andere denken, der die schönen Dinge des Lebens genießt, dem aber auch Gerechtigkeit und seine Mitmenschen sehr am Herzen liegen.
Blick in die Zukunft: Das bevorstehende Grauen
DK: Eine letzte Frage: Wie wird es nach diesem Blick in Pendergasts Vergangenheit im Hier und Jetzt weitergehen?
P&C: Unser nächster Pendergast-Roman wird einfacher und straffer sein, mit weniger Figuren und deutlich weniger persönlichem und historischem Ballast – einfach ein raffinierter, ungewöhnlicher Thriller.
Er wird uns zurück in die Gegenwart führen und einen Hightech-Aspekt beinhalten, nicht unähnlich etwa einem Roman von Michael Crichton. Wahrscheinlich in Miami.
Er hat einen Hightech-Bezug, ist aber keine Science-Fiction, sondern Science-Fact – es geht um ein Grauen, das hier und jetzt bevorsteht.
Wir können noch nicht verraten, worum es sich handelt, aber in wenigen Jahren wird sich die Welt mit diesem Problem auseinandersetzen müssen – und Gott stehe uns bei, wenn es so weit ist.
»Pendergast ist einzigartig. Einer der seltsamsten und zugleich faszinierendsten Ermittler der modernen Kriminalliteratur.« Kirkus Reviews
- Verlag: Knaur HC
- Übersetzt von: Frauke Czwikla
- Erscheinungstermin: 01.12.2026
- Lieferstatus: Lieferung ab 01.12.2026
- ISBN: 978-3-426-65972-4
- 448 Seiten
- Verlag: Knaur eBook
- Übersetzt von: Frauke Czwikla
- Erscheinungstermin: 01.12.2026
- Lieferstatus: Lieferung ab 01.12.2026
- ISBN: 978-3-426-65973-1
- 448 Seiten