Drei Frauen und die schillernde Welt des Wintergarten-Varietés

Berlin in den 20er-Jahren: Ganz unscheinbar und auf Fotos diejenige, die man gerne mal übersieht – das ist Nina von Veltheim – aber nur, solange sie stillsteht. Sobald sie in Bewegung gerät, ist sie ein Vulkan, das sagt nicht nur ihr Zwillingsbruder Carlo, und wer sie einmal von ihrer Begeisterung für die Bühne hat sprechen hören, der vergisst sie nie wieder. So ist es denn auch kein Wunder, dass es sie aus der Uckermark ins brodelnde Berlin zieht, wo sie sich ihren Traum vom Theater erfüllen will. Doch anders als viele andere junge Frauen will sie nicht auf den Brettern stehen, die die Welt bedeuten: Sie will ganz nach oben – an die Schalthebel von Theater und Film, an denen Männer sitzen.

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Charlotte Roth

Charlotte Roth

Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist gebürtige Berlinerin, Literaturwissenschaftlerin und seit zehn Jahren freiberuflich als Autorin tätig. Charlotte Roth hat Globetrotter-Blut und zieht mit Mann und Kindern durch Europa. Sie lebt heute in London, liebt aber ihre Geburtsstadt Berlin über alles. Ihr Debüt, „Als wir unsterblich waren“, war ein Bestseller, dem seitdem zahlreiche weitere Romane über Frauenschicksale vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte folgten.


Charlotte Roth im Interview

Was ist der "Wintergarten" und wo befindet er sich?

Das weltberühmte Berliner Varieté "Wintergarten" war ursprünglich der Wintergarten des 1881 eröffneten Central-Hotels, ein Luxushotel nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Der Veranstaltungsort erfreute sich einer solchen Beliebtheit, dass sich eine eigene Spielstätte daraus entwickelte – ein Varieté, ein kunterbuntes Kaleidoskop kultureller Darbietungen, wie es in das Berlin jener Epochen – ganz besonders in das der Zwanziger Jahre – perfekt passte.

Charlotte Roth: Die Wintergartenfrauen

Wer sind die "Wintergarten-Frauen"?

Die Wintergarten-Frauen des Titels sind eine Gruppe junger Frauen, die - aus unterschiedlichster Richtung nach Berlin getrieben - sich ihren Traum von einem selbstbestimmten Leben erfüllen und um ihre künstlerische Begabung auszuleben. Nachdem sie im noch immer von Männern bestimmten Kulturbetrieb gegen verschlossene Türen rennen, beschließen sie, ihr eigenes Ding auf die Beine zu stellen …

Charlotte Roth: Die Wintergartenfrauen
Leseprobe

Die Wintergartenfrauen

Lass mich vorbei, Carlo!«
Wieder einmal hatte sich Ninas Bruder, das Faultier, auf der untersten Stufe der Hintertreppe breitgemacht, weil er zu bequem war, sich seine Reitstiefel im Stehen auszuziehen.
»Weshalb hast du’s denn so eilig?«, fragte er in dem verschlafenen Tonfall, der Nina zuverlässig auf die Palme brachte. Mit seinen sechzehn Jahren war Carlo bei Weitem schwerfälliger als Oma Hulda mit irgendetwas zwischen sechzig und siebzig.
»Hast du vergessen, was heute für ein Tag ist?« Ruppig drängte sie ihn zur Seite und sprang schon mit einem Satz zwei Stufen hinauf. »Heute kommt er nach Hause!«
»Und was macht dich so sicher?« Mit dem Fingernagel kratzte Carlo eine Art Muster in die Schlammkruste auf seinem Stiefelschaft. »Auf den Tag genau kann das doch keiner wissen.«
»Das Telegramm steht auf dem Sims im Salon!«, konterte Nina triumphierend. »Da heißt es Ankunft 6. März – und er ist keiner, der zu spät kommt. Er ist wie ich.«
Sie drehte sich nicht noch einmal um, sondern eilte durch den Korridor bis zur Tür ihres Zimmers, riss sie auf und lief ans Fenster. Das riss sie ebenfalls auf. Beide Flügel zugleich. Die eisige Luft, die ihr entgegenströmte, fand sie nicht schneidend, sondern belebend. Obwohl der Frühling so nah war, lagen der Vorhof, die von Kastanien gesäumte Allee und der Flickenteppich der Felder noch in diesiges Weiß getaucht, und der Tag, den kein Vogel begrüßt hatte, schien sich schon wieder verkriechen zu wollen. Für Nina aber hätte ihre Welt schöner nicht sein können, nicht einmal am Weihnachtsabend, wenn die Lichter aus allen Fenstern den Schneedecken Glanzpunkte aufsetzten, als hätte jemand im All eine Kiste ausgekippt und sämtliche Sterne verstreut.
Er kommt nach Hause, er kommt heute nach Hause!

Von ihrem Fenster aus würde sie ihn schon von weit her sich nähern sehen – zuerst als weiße Staubwolke inmitten von aufgewirbeltem Schnee, aus dem sich mit jedem Galoppsprung klarer die dunkle Silhouette von Pferd und Reiter schälen würde. Nina hatte sich eigens ein Zimmer im Haupthaus ausbedungen, weil man aus den Fenstern der beiden Seitenflügel einen Ankömmling erst sehen konnte, wenn er bereits auf dem Vorhof war.
Das war nichts für sie. Sie wollte alles, was auf sie zukam, im Voraus sehen und darauf vorbereitet sein. Dass heute ihr Vater auf eine Woche Urlaub nach Hause kommen würde, wusste sie, seit letzten Freitag sein Telegramm eingetroffen war. Daran, dass er pünktlich wie angekündigt eintreffen würde, bestand für sie kein Zweifel, denn so kannte sie ihn: verlässlich wie das Amen in der Kirche, in die sie allerdings schon ewig nicht mehr gegangen war. Dann eben verlässlich wie die Heuernte, wie das Blühen der Luzerne, die Heimkehr der Kraniche, die bald wieder in ihrem weiten Delta über den Himmel ziehen würden, und die Storchennester auf den Dachfirsten.
Verlässlich wie Nina selbst.
»Mein Sohn und seine Tochter sind wie zwei Erbsen in derselben Schote«, pflegte Oma Hulda zu sagen, und Tante Sperling, Vaters Schwester, hatte schon vor Jahren angesichts einer Kinderfotografie von Nina erklärt: »Hätte mein Bruder je Zöpfe getragen, ich würde Stein und Bein schwören, dass er das Kind auf diesem Bild ist. Und wie merkwürdig – der kleine Carlo hat in den Zügen gar keine Ähnlichkeit mit ihm.«
Carlo und Nina waren Zwillinge, aber unterschiedlicher als sie beide konnten zwei Menschen kaum sein. Wann immer Carlo sich noch halb in Träumen aus dem Bett kämpfte, war Nina längst unterwegs. Hase und Igel, das war eines der ersten Schauspiele gewesen, die sie im Dachboden des Herrenhauses aufgeführt hatte. Carlo hatte in einer Doppelrolle den Igel sowie dessen Frau gegeben und Nina mangels weiterer Schauspieler den Hasen. Da Carlo aber viel zu langsam von einer Rolle in die nächste schlüpfte, war es am Ende nicht der behäbige Igel, sondern sie selbst als Hase gewesen, die über die Bühne geflitzt war und verkündet hatte: »Ich bin schon da!«

So war es zwischen Nina und Carlo geblieben. Wer sie nicht kannte, hielt sie nicht einmal für Geschwister, und die Zwillinge im Geiste waren Nina und ihr Vater. Pippa und Pappi. Vor drei Jahren, bevor er so plötzlich aus ihrem Leben verschwunden war, hatte sie zu ihm gesagt, er solle aufhören, sie Pippa zu nennen, das sei kindisch und sie mit dreizehn dafür viel zu groß. Jetzt war sie sechzehn, und auf nichts freute sie sich so sehr wie auf den Augenblick, in dem er aus dem Sattel glitt, ihr Gesicht in seine behandschuhten Hände nahm und »Da ist ja meine Pippa« zu ihr sagte.
Der Spitzname stammte aus einem Stück von Gerhart Hauptmann, das er in einem Berliner Theater gesehen hatte, als Nina vier Jahre alt gewesen war. »Sämtliche Kritiker haben es verrissen, und ich glaube ja selbst, dass es ein ziemlicher Käse war«, hatte er zu Ninas Mutter gesagt. »Aber ich habe nur dieses glaszarte Püppchen gesehen, das nicht aufhören konnte, von einem Ende der Bühne zum andern zu tanzen. Wie unser Ninchen. Unser Perpetuum mobile.«
Wie es bei Zwillingen häufig der Fall ist, war Nina – die kleinere, zweitgeborene der beiden – tatsächlich in ihrer Kinderzeit glaszart und zerbrechlich gewesen, und über die schmächtige Statur, die sie mittlerweile erreicht hatte, würde sie wohl nicht mehr hinauswachsen. Dennoch fühlte sie sich wie aus Eisen. Als kleines Mädchen hatte sie nicht nur einmal einen Bühnenraum für sich erobert, indem sie so lange darüber hinweggetanzt war, bis sie ohnmächtig wurde.
Inzwischen erschuf sie ihre Tänze im Kopf, doch für ihren Vater blieb sie seine Pippa, und für ihn wollte sie es nun auch immer bleiben. Er war es, der all ihre Komödien und Tragödien, ihre Inszenierungen und Choreografien begleitet hatte, seit sie mit Kastanienmännchen und Kasperlefiguren angefangen hatte. Als Nächstes hatten die Stallkaninchen als Schauspieler herhalten müssen, die sich immerhin besser schlugen als die Hühner, und danach war es Carlo gewesen, der in sämtliche Rollen gezwängt wurde und eine jede in den Sand setzte.
Nach einem kurzen erfolglosen Gastspiel an einem Züricher Lyzeum war Nina schließlich zu Festspielen übergegangen: Weihnachten, Ostern, Jubiläen, Erntedank – jeder Anlass wurde mit einer Inszenierung im Dachboden begangen, zu der sie die Kinder von den Nachbargütern als Ensemble zusammentrommelte.

Ohne Publikum spielten sie nie. Still und leise sorgte ihr Vater dafür, dass die Erwachsenen sich als Zuschauer einfanden und am Ende gebührend applaudierten.
»Ich bin stolz auf dich, meine Pippaloni Tagliazzoni«, hatte er gesagt – so häufig, dass es Nina peinlich war und sie ihm kein Wort mehr glaubte. »Er lobt mich nur, weil er mein Vater ist«, hatte sie sich bitter bei Tante Sperling beklagt. »Ob ich wirklich gut bin, interessiert ihn gar nicht. Er würde auch klatschen, wenn ich wie ein Kleinkind Purzelbäume schlage oder in der Nase bohre.«
»Über das Nasebohren bin ich mir nicht so sicher«, hatte Tante Sperling erwidert. »Aber für deinen Vater ist eben alles, was sein Töchterchen zustande bringt, großartig und könnte besser nicht sein.«
Und was nützt er mir dann als Kritiker?, hatte Nina gedacht. Es machte sie wütend, dass Erwachsene Kinder nie ernst nahmen und ihr Vater in ihr nur seine Tochter und keine künftige Künstlerin sah.
Dann war ihr Vater fortgegangen, war von einem Tag zum andern nicht mehr da. »Wir werden uns wehren bis zum letzten Mann und Ross«, hatte der Kaiser den Zeitungen zufolge verkündet, und Ninas Vater hatte sich von seinem Leibdiener in seine Majorsuniform helfen lassen und war auf Pierrot, seinem geliebten Pferd, nach Templin geritten, um sich seinem Regiment der Garde du Corps anzuschließen. Die nächste Aufführung auf Gut Neu-Mahlens Dachboden hatte vor ausschließlich weiblichem Publikum stattfinden müssen. Als der Vorhang fiel, waren Mütter, Großmütter und Tanten mit sorgenvollen Mienen zurück in den Salon gezogen, und über Ninas Feuerwerk von einer Inszenierung hatte niemand mehr ein Wort verloren.
Der Vater begann ihr zu fehlen. Er kämpfte an einem Fluss namens Marne und schien endlos weit weg. Was Krieg war, konnte sich Nina nicht vorstellen, denn hier gab es ja keinen. Hier wucherte Futterklee, keimte Hafer, steckte Spargel seine Köpfe aus Erdhügeln, peitschte Wind das Land und kündigte die Zeit der Ernte an. Fohlen wurden geboren, Stuten gedeckt und Jährlinge an Sättel gewöhnt, und während alledem sollte ihr Vater irgendwo in der Fremde in einem Graben hausen, der mit Minen und Granaten beschossen wurde? Es ging nicht in ihren Kopf. Nina erkannte, wie viel Sicherheit es ihr verliehen hatte, dass er immer da gewesen war – mit seiner Stille, mit seinem Lächeln, über das sie sich ärgerte, das ihr aber beständig vermittelt hatte: Ich stehe hinter dir, ich unterstütze dich in allem, was du tust.

Sie hatte begonnen, auf die Tage hinzuleben, an denen er auf Urlaub nach Hause kam. Seltene Gelegenheiten. Zweimal zu Weihnachten, einmal zur Ernte und einmal im vergangenen Frühling, um sein jüngstes Kind willkommen zu heißen, die überraschend geborene kleine Otta, die inzwischen bereits ›Mama‹ rief und laufen lernte. Und heute. Nina blickte über die verschneiten, sich in Abendnebel hüllenden Felder hinweg und entdeckte die Wolke, auf die sie gewartet hatte. Anfangs hob sie sich kaum gegen die verschwommene Umgebung ab, doch mit jedem zurückgelegten Wegstück wurde sie größer und klarer. Nina konnte nun den Schnee aufspritzen sehen und erahnte darin den dunklen Leib des Pferdes.
Pierrot, der Bruder ihres eigenen Pferdes, war ein Dunkelfuchs, während ihr Palü bis auf die Mondsichel auf seiner Stirn schwarz war. Auch der Waffenrock des Vaters war dunkel, ganz anders als die weiße Galauniform, die vor dem Krieg in seinem Schrank gehangen hatte. Im Schneegewirbel wirkten Pferd und Reiter wie miteinander verwachsen, wie aus einem einzigen dunklen Guss. Sie kamen näher. Pierrots edler Kopf war schon erkennbar, auch der Helm des Vaters und die typische Haltung des Kavalleristen, leicht vorgebeugt in den Steigbügeln aufgerichtet.
Jetzt sprengten sie die Kastanienallee entlang, und die Schatten der kahlen Kronen raubten Nina die Sicht. Sie sprang von der Fensterbank. Zeit, dem Vater entgegenzulaufen, wie sie es jedes Mal tat. Auch diesmal würde sie stehen bleiben, sobald er Pierrot aus dem wilden Jagdgalopp in den Trab zügelte, sie würde ihn lachen sehen und dem Pferd, das er vor ihr zum Stehen brachte, in die Zügel greifen.
»Da ist sie ja«, würde er rufen. »Meine Pippaloni Tagliazzoni.«
»Und da ist mein Pappi Pappinsky«, gäbe sie zur Antwort, »mit der eisernen Butterglocke auf dem Kopf!«
Er würde abspringen, sie in die Arme nehmen und im Kreis herumwirbeln, wobei sie seinen Duft nach Pferd und Tabak und warm gerittener Wolle auffing. Dann würde er fragen: »Und? Was bekommen wir vor dem Abendessen geboten? Eine Neufassung von Emilia Galotti?«
Das hatte sie inszeniert, als er das letzte Mal auf Urlaub gekommen war – ihre eigene Fassung natürlich, nicht den öden Schinken, den sie bei Hauslehrer Habicht hatte durchackern müssen. Leider war es ziemlich misslungen, weil Carlo den Odoardo gespielt und eine schauderhafte Pleite hingelegt hatte. Er war einfach unbegabt und außerdem für die Rolle zu unreif, doch alle älteren Jungen standen jetzt an den Fronten in Frankreich, Belgien oder im Osmanischen Reich und hatten keine Zeit mehr, Theater zu spielen.
»Das, was es heute zu sehen gibt, ist nur für dich«, würde sie zu ihrem Vater sagen.
»Nur für mich?«, glaubte sie ihn zu hören. »Jetzt machst du mich aber neugierig und musst mir sofort verraten, was es ist.«
»Und Pippa tanzt.« Nina rannte durch den Korridor und flüsterte die drei Worte vor sich hin. Sie hatte das Stück, das unmöglich zu verstehen war, von Grund auf abgewandelt, hatte es ganz auf die Beziehung zwischen Pippa, der Tänzerin, und ihrem Vater, dem Glasmacher, konzentriert. Auf die Bühne bringen wollte sie, wie der Vater sich die erträumte Tochter aus Glas blies, wie sie ihm davontanzte, leicht wie Funke, Vogel und Schmetterling, und doch an einem dünnen gläsernen Faden seiner Glasmacherpfeife hängen blieb.
Er würde verstehen, was sie ihm damit sagen wollte: Ich bin deine Pippa, und die werde ich bleiben. Auch wenn ich jetzt so gut wie erwachsen bin und herausfinden muss, was ich selbst aus mir machen will – mein Anfang bist immer du.
Er würde den Arm um sie legen, Pierrot dem Knecht übergeben, und sie würden Seite an Seite nach Hause gehen. Vielleicht würde er ihr diesmal sagen, dass der Krieg nicht mehr lange dauerte, dass er bald nie wieder von ihnen fortmusste und dass das Leben wieder so sein würde, wie es immer gewesen war.
Statt wie vorhin die hintere Stiege zu wählen, stürmte sie jetzt die breite Treppe hinunter in die Halle. Im Laufen hatte sie sich nur ihre nachthimmelblaue, mit Gold bestickte Lieblingsstola übergeworfen, denn einen Wintermantel, der ihr passte, besaß sie nicht mehr. Aus den Ärmeln ihres Mantels ragten die Handgelenke wie Stöcke an einer Vogelscheuche, doch die Marken auf der Kleiderkarte reichten nicht für einen neuen. »Man muss sich eben nach der Decke strecken«, sagte Oma Hulda. »Andere Leute nähen sich ihre Kleidung aus Tischwäsche, Betttüchern, Vorhängen und brechen sich dabei nichts ab.«

In Ninas Familie gab es zwar reichlich Wäsche und Vorhänge, aber niemanden, der daraus etwas hätte nähen können. Nina machte es nichts aus. Sie rannte in ihre Stola gehüllt ins Freie und spürte die Kälte kaum. Ihr Vater kam in großen Sprüngen in den Hof geritten, ein wenig ungelenk, so schien es ihr, ohne rechte Harmonie, als wäre das Pferd nicht Pierrot. Aber es musste ja Pierrot sein, denn von seinem Pferd, das er gezüchtet und ausgebildet hatte, war ihr Vater nicht zu trennen. Nina war von klein auf an seiner Seite geritten und wusste, was für ein vortrefflicher Reiter er war. Heute aber schien er nervös und abgelenkt. Zum ersten Mal sah sie, wie er Mühe hatte, Pierrot zu zügeln, wie der Wallach sich leicht bäumte, den Kopf warf und seinem Reiter alle Hände voll zu tun gab.
Und noch etwas sah sie. Das Fell des Tieres war zwar dunkel vor Nässe, aber es war nicht das Fell eines Dunkelfuchses. Das Pferd stand nicht wie Pierrot an ihres Vaters Hilfen, weil es nicht Pierrot war.
»Pappi!«, rief Nina und klang wie ein verzweifeltes kleines Kind.
Der Reiter hatte es endlich geschafft, sein Pferd zum Stehen zu bringen, auch wenn es noch immer unwillig tänzelte. Er trug die Uniform der Garde du Corps und den Offiziershelm mit der Spitze, den Nina eiserne Butterglocke getauft hatte. Ihr Vater hatte darüber gelacht und beteuert: »Dass einem in dem Ding das Hirn zu Butter schmilzt, ist keineswegs auszuschließen.«
Der Mann zog den Helm vom Kopf und blickte zu Nina hinunter. Sein Gesicht war von dem scharfen Ritt gerötet und sah so jung aus, dass sie erschrak.
»Ulrike Freifrau von Veltheim?«, fragte er.
Vielleicht brauchte er eine Brille. Eine starke. Jeder halbwegs des Sehens Mächtige hätte erkannt, dass es sich bei Nina um keine vierzigjährige Freifrau handelte.
»Ich bin Nina von Veltheim«, antwortete sie schließlich.
Mit einem zackigen Nicken verbeugte er sich. »Ich bin Hauptmann Bertram von Brink, aus der Kompanie Ihres … «
»Vaters«, half Nina ihm aus.
»Ihres Herrn Vaters, ja. Ich stamme auch von hier. Aus Zichow. Keine Stunde entfernt.« Seine Augen waren geweitet, und die Traurigkeit, die darin stand, brannte sich ihr ein. Sie wusste in diesem Moment, sie würde diesen Blick nicht vergessen, und während ihre Hände sich in den Wollstoff der Stola krallten, wusste sie auch: Sie würde diese weiche, wärmende Stola in ihren Lieblingsfarben Nachtblau und Gold nie wieder tragen können, weil sie unweigerlich diesen Blick in ihr wachgerufen hätte.
»Auf Heiratsurlaub bin ich.« Der Hauptmann aus Zichow nuschelte jetzt, als hätte er Angst vor der Klarheit der Worte. »Habe mich bereit erklärt, die Familie des Herrn Major persönlich aufzusuchen, denn eine solche Nachricht, die kann man doch nicht in einem seelenlosen Telegramm übermitteln.«

Buch Mockup Charlotte Roth: Die Wintergarten-Frauen

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