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Interview mit Heidi Rehn zu "Vor Frauen wird gewarnt"

Interview mit Heidi Rehn zu ihrem Buch "Vor Frauen wird gewarnt"

Mit Ihren historischen Romanen und literarischen Spaziergängen bringen Sie Vergangenes in die Gegenwart und machen es für die Leserinnen und Leser greifbar. Wie balancieren Sie Fiktion und historische Fakten, damit das Buch gut unterhält, aber dennoch historisch korrekt bleibt?
Die historischen Fakten liefern mir die Hintergrundkulisse für das fiktive Geschehen. Das heißt, ich lasse sie ganz nebenbei einfließen und nur insoweit, wie sie tatsächlich für die Geschichte, die ich erzähle, relevant sind. Die Lektüre von Romanen, Erinnerungen, Zeitungen und Zeitschriften aus der Zeit, nicht über die Zeit, hilft mir dabei sehr, weil sie mir ein Gespür dafür schenkt, was damals selbstverständlich gewesen ist, was zum „normalen“ Leben der Menschen gehört, sie beschäftigt, berührt, umgetrieben hat.

Ein Roman über Vicki Baum zu schreiben war eines Ihrer Herzensprojekte. Sah die Recherche hierfür deswegen anders aus als bei Ihren bisherigen Büchern?
Der Vorteil war ganz sicherlich, dass ich schon viele ihrer Romane, aber auch ihre Autobiographie "Es war alles ganz anders" sowie die großartige Biographie von Nicole Nottelmann "Die Karrieren der Vicki Baum" bereits gelesen und damit eine ausgezeichnete Basis hatte. Als ich in der Akademie der Künste in Berlin ihren Nachlass sichtete, war das allerdings noch aufregender als bei früheren Recherchen, für die ich bereits in Archiven gewesen war. Plötzlich hielt ich handschriftliche, unveröffentlichte Briefe von Vicki an ihren Mann und ihre Söhne in Händen, stöberte in privaten Fotos… Da klopfte mir das Herz schon ganz besonders.

Im Roman braucht Vicki Baum die Hintergrundmusik des aufregenden Lebens in Berlin und im Ullsteinhaus, um ihre Werke schreiben zu können. Was schafft für Sie die optimale Hintergrundmusik zum Schreiben?
Stille. Der Blick in den großen Garten, den ich von meinem Schreibtisch aus habe – und das mitten in München! Zwischendurch packt mich allerdings auch schon mal die große Sehnsucht nach Trubel, Theater, Musik, Tanzen, Begegnungen mit Menschen. Im Vergleich zu Vicki Baum lebe ich trotzdem erschreckend ruhig und langweilig. München 2021 ist eben nicht Berlin 1926 und wird es nie sein.

War von Anfang an klar, über welchen Lebensabschnitt von Vicki Baum Sie schreiben wollen? Wie fiel die Entscheidung für die Jahre 1926-1931?
Diese fünf Jahre sind die entscheidenden, in denen aus der einigermaßen erfolgreichen Vicki Baum (sie hatte damals schon einen gewissen Namen als Autorin) DIE Vicki Baum wurde, die mit ihren Büchern auch international riesige Erfolge feierte. Ihr Verlag entwickelte dafür eine beispiellose und selbst aus heutiger Sicht noch sehr beeindruckende Kampagne, sie selbst probierte in dieser Zeit enorm viel Neues aus und entwarf das bis heute gültige Bild von sich. Zugleich sind es die legendären Goldenen Zwanziger in Berlin – diese fünf Jahre zu schildern, daran führte also in vielerlei Hinsicht kein Weg dran vorbei.

Was können Frauen (oder auch Männer) heute noch von Vicki Baum lernen?
Sie war im besten Sinn emanzipiert, beruflich wie privat, lebte die Gleichheit zwischen den Geschlechtern, über die sie in ihren journalistischen Artikeln und Romanen schrieb, ganz selbstverständlich. Das sollte auch heute so sein. Schade, dass es das nach wie vor noch nicht ist. Daran sollten wir unbedingt alle gemeinsam arbeiten.

Was fasziniert Sie an Vicki Baum am meisten?
Ihre Selbstironie und ihre stoische Ruhe. Zwar hat sie ganz professionell – und erfolgreich – an dem Bild gebastelt, das sie der Nachwelt von sich hinterlassen wollte. Aber mir gefällt, wie wichtig es ihr trotzdem immer war, nicht nur als überaus disziplinierte „Powerfrau“ wahrgenommen zu werden, sondern eben als Mensch mit Stärken und Schwächen. Und mit einer bewundernswerten Gelassenheit, sich und den eigenen Erfolg nicht zu wichtig oder ernst zu nehmen. Allein schon ihr berühmtes Bonmot „Ich bin eine erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte“ sagt das doch schon aus.

Was ist Ihr persönliches Lieblingswerk von Vicki Baum, das man unbedingt gelesen haben sollte?
Unbedingt die "Stud. Chem. Helene Willfüer", weil sie bis heute erstaunlich modern und aktuell ist, aber auch "Menschen im Hotel", die den typisch liebevollen ironischen Ton von ihr hervorragend zeigen, sowie die späteren Varianten "Hotel Shanghai", eine sehr beeindruckende Schilderung der Exilantenszene in Asien, und "Hotel Berlin", eine geradezu prophetische Darstellung zum Kriegsende 1945, 1944 von ihr in Los Angeles geschrieben und kürzlich neu aufgelegt. Und, und, und… Eigentlich hat jeder Roman von ihr etwas ganz Besonderes, erstaunlich Zeitloses, das bis heute lesens- und entdeckungswert ist.

Taschenbuch 12,99 €
E-Book 9,99 €